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Orientreise ... Nikolaus Alexandrowitsch von Russland 1890-1891 / verfasst von ... E. Uchtomskij
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AHMEDABAD .

Wie schon gesagt, verstanden die muhammedanischen Herrscher des Mittelalters zu herrschenund zu sterben. In der offenen Feldschlacht wie im Handgemenge ihren Mann stellend, machtensie es in Friedenszeiten wie der berühmte Khalif Harun-al-Raschid: zur Abendstunde schlichen siesich unerkannt durch die Bazare und die entlegensten Gässchen ihrer Hauptstadt, um aufdas Gespräch des gemeinen Volkes zu lauschen, etwa vorgekommene Ungerechtigkeiten auszu-forschen und dann am andern Morgen ihre weisen und gerechten Erlasse zu veröffentlichen. Wennsie dann eine innere Stimme mahnte, dass ihre Stunde nahe, so bereiteten sie sich in aller Ruhezum Tode vor: von den höchsten Staatswürdenträgern wie von dem geringsten Diener nahmen sierührenden Abschied, baten jeden um Verzeihung und liessen es sich sogar nicht nehmen, vonihrem Sterbelager aus einen letzten Blick auf die treuen Leibelefanten und Lieblingspferde zu werfen.

Von Ahmeds Grabmal begeben sich Ihre Hoheiten zu den nur wenige Schritte davonentfernten Gräbern seiner Lrauen. In dem Lriedhofe, der diese fast unbekannten Einsiedlerinnendes Harems beherbergt, herrscht eine ungewöhnliche Stille, eine sozusagen beseligende Ruhe. Werund was die hier beigesetzten Sultansfrauen gewesen sein mögen darauf gibt es wol keineAntwort: es waren schöne, in die Einsamkeit vermauerte Orientalinnen, ohne geistige Anregung,Sklavinnen des Schicksals, den erstarrenden Armen eines heidnischen Vaters oder Bruders entrissen,stolze Radschputenprinzessinnen mit sternfunkelnden Augen, mit dem Profil einer Damajanti, miteinem dunkelumflorten Leben und einem erkalteten Herzen!

Auf Erden hatten diese Frauen jedenfalls nichts Trost- und Erquickungsreiches gehabt: wiezum Entgelt dafür ist hier über ihrem Staube eine eigene Welt erblüht, und der blaue Himmellächelt dieser kleinen friedlichen Todesstätte so liebevoll zu, wie es jenen armen Fürstinnen vomGlücke gewiss während ihres ganzen Lebens nicht beschieden war.

Längs des düstern Gemäuers, das sie von der lärmenden Stadt trennt, girren kaum hörbardie grünen Gudscherat-Tauben. Mancher Sarkophag ist mit einem bunten Perlmutterschmuckeverziert. Einer trägt eine persische Inschrift.

Von den anspruchslosen Denkmälern, welche den Müttern berühmter Sultane gesetzt worden,tritt man auf eine breite, in der Mitte mit einem Wasserbehälter versehene Esplanade, die sich vorder Westseite der grössten Moschee des Landes ausbreitet. Dem schönen Geschlecht aber ist wieüberall in den Landen des Propheten der Eintritt in diesen Hof verwehrt, da das Weib im Islamfür ein untergeordnetes Wesen gilt.

Im allgemeinen sind die Dimensionen dieser Moschee nicht auffallend; sei es aber, dass esdie Farbenwirkung des Sandsteins ist, aus dem sie erbaut ist, oder dass das unbestimmte Tages-licht ihr ein imposantes Aeussere verleiht Thatsache ist, dass diese Gebetsstätte überaus originellund wirkungsvoll aussieht. Hunderte von Pfeilern bilden einen lichten Wald, der sich in dasblendende Gebäude vertieft. Auf dem Dache umkreisen die Centralkuppel kleinere Kuppeln. DerGesammteindruck wird mächtig erhöht durch Seitengalerien im Hofe, deren Wände mit Koran -versen verziert sind, wie z. B. durch folgenden:Gottes Segen ruhe auf Muhammed und denvier ersten Khalifen! Vor siebzig Jahren war die Vorhalle noch durch ein paar schlanke,künstlerisch ornamentirte Minarets geschmückt. Bald nach der Einnahme von Ahmedabad durchdie Engländer ereignete sich aber ein Erdbeben, welches die Thürme zur Hälfte zerstörte.

An der Schwelle der Moschee zieht sich mitten durch das blendendweisse Gestein ein dunklerStreifen hin. Dies ist der Sage nach das Postament der Statue des Dschaina-Weisen Parsvanatha,