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Orientreise ... Nikolaus Alexandrowitsch von Russland 1890-1891 / verfasst von ... E. Uchtomskij
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DSCHODPUR UND ADSCHMIR.

zusammenzutragen; wenn aber eine Witwe durchaus darauf bestand, eines solchen Todes zusterben, so stand ihr das Recht zu, für sich einen Scheiterhaufen eigenhändig herzurichten.

Ein hervorragender Kenner Indiens , Oberst Sleeman, dessen Thätigkeit in die dreissigerJahre fällt, beschreibt in seinen Memoiren ausführlich, wie er einst den Eingeborenen verbotenhatte, an der Ausübung einer Sati theilzunehmen, der sich eine alte Witwe durchaus unterziehenwollte, die, als ihr kein Mensch beistehen mochte, in ihrem unsäglichen Kummer weder Speisenoch Trank zu sich nahm. Dem Brauche gemäss hatten sich auch ihre nächsten Verwandten dienämlichen Fasten auferlegt. Sie müssen sich so lange jeder Nahrung enthalten, bis die Witweentweder den Flammentod stirbt oder, nachdem sie geflissentlich ihr Vorhaben aufgegeben hat, inden Schos ihrer Familie zurückkehrt.

Die Kinder und Enkel der Witwe waren theils zu Sleeman gegangen, um ihn mit Bittenzu bestürmen, dem Wunsche der Unglücklichen nachzugeben, theils aber hatten sie die Untröst-liche umringt, um sie zu beschwören, von ihrem hartnäckigen Vorhaben abzustehen. Die Alteaber blieb ungerührt und setzte sich an das felsige Ufer des Flusses Narbadda. Die Sonne sengtesie ohne Erbarmen, nachts quälte sie bitterer Frost. Aber halb entblösst, von Aufregung undNahrungsmangel abgezehrt, verharrte sie Stunde um Stunde an der nämlichen Stelle und schienin dumpfer Verzweiflung auf etwas zu warten. Endlich aber, als sie einsehen musste, dass derenglische Administrator ihren Bitten durchaus nicht willfahren wollte, vollführte die verzweifelteWitwe an sich selbst den Act der Selbstbefreiung von allen socialen und religiösen Banden: sielegte nämlich eine rothe Kopfbinde um und brach ihre Armbänder in Stücke. Hierdurch hattesie sich für immer des Rechts begeben, nach Hause zurückzukehren, da alle Eingeborenen gezwungensind, ein solches Weib für vogelfrei zu betrachten.

Sleeman beschreibt in rührender Weise den Seelenzustand, dem die Alte mehrere Tagelang ausgesetzt war, solange sie noch immer die Hoffnung nährte, früher oder später mit ihremManne in jugendlicher Schönheit im Paradiese wieder zusammenzukommen.

Bevor er seine Zustimmung gab, machte Sleeman nochmals den Versuch, sie von i hr emVorhaben abzubringen. Er sagte ihr, dass er für seine Nachgiebigkeit ihrem abergläubischen Trotzegegenüber selbst würde büssen müssen, da die englische Regierung solche Greuel wie die Satisnicht dulde. Ferner versicherte er ihr, dass, falls sie von ihrem Vorhaben abstehen wolle, sie bisans Ende das höchste Ansehen geniessen und in schönster Pflege und Fülle leben würde u. dgl. m.Allein die Alte hatte für all diese Ueberredungsgründe nur ein schwaches Lächeln und erwiderte:Mein Puls schlägt nicht mehr und auf Erden habe ich nur noch über einige Staubtheilchen zuverfügen, die ich so bald als möglich mit der Asche meines Mannes vermischen möchte. Daendlich gab der englische Administrator seine Einwilligung, und die Verwandten führten die Freuden-strahlende, Ueberglückliche auf den Scheiterhaufen. Ihre letzten Worte, bevor sie in die Flammenstieg, waren:Weshalb, o mein Gemahl, hat man mir fünf Tage lang nicht erlaubt, mich mit dirzu vereinigen? Hierauf warf sie eine Hand voll Blumen in das Feuer, trat mit vollkommensterRuhe in die Flammen, legte sich wie zur Rast nieder und entschlief sozusagen in den aufwirbelndenRauchwolken, ohne das geringste Zeichen von Schmerz zu offenbaren.

Die religiöse Schwärmerei der Hindus ist so gross, dass unter ihnen zuweilen ganz un-erklärliche Erscheinungen Vorkommen. So trat eines Tages ein altes Weib in den Familienkreiseines gerade Verschiedenen und erklärte, dass sie sich mit dem Todten auf dem Scheiterhaufenverbrennen müsse, weil sie in einem frühem Dasein sein Weib gewesen, mit ihm in der heiligenStadt Benares gewohnt und während ihrer frühem Wiedergeburten bereits dreimal die Sati voll-zogen habe. Da nun der irdische Ehegemahl dieser Frau noch am Leben war und selbst dieabergläubischsten Hindus vollauf Grund zu haben glaubten, an der Zurechnungsfähigkeit ihres Thuns