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Verlässt ein Mensch das Haus, um sich im Ganges zu baden, und stirbt unterwegs, sowird ihm schon die gute Absicht angerechnet, als ob er die rituellen Waschungen thatsächlichvorgenommen hätte. Die nach Brahmanenbegriffen schwersten Vergehen, wie z. B. das Tödten dergeistlichen Lehrer oder das "Schlachten von Kühen, die Leidenschaft für berauschende Getränkeu. dgl. m., werden dem Sünder vergeben, falls er nur das göttliche Gewässer berührt und inGedanken Abbitte für das Geschehene thut.
Der Volksglaube lehrt, dass jedes Würmlein, jedes Insekt, jede Pflanze, die in dasWasser des wunderbaren Stromes hineinfallen, wenn sie darin umkommen, nicht zu neuemErdendasein erwachen, sondern unmittelbar in Brahma aufgehen. Sogar die Selbstmörder, die inden Fluten des Ganges versinken, werden der ewigen Seligkeit theilhaftig. Wenn der Körpereines Sterbenden im Momente des Todes sogar nur zur Hälfte in das göttliche Nass getauchtist, so wird zum Lohne dafür die Seele tausend Jahre im Paradiese schwelgen.
Die Phantasie des Hindu sucht in allerhand Märchen sogar das zu ergrübeln, was aus denGeschöpfen wird, die zufällig in den Ganges gerathen und darin ertrinken. Wie naiv und lieblichzugleich ist doch z. B. die Geschichte von dem Vöglein, das unter einem weitästigen Baume inder Nähe des heiligen Stromes sein Nest gebaut hatte! Einst riss ein wilder Sturm den Baummit der Wurzel aus und das Vöglein, vom brausenden Orkan erfasst, kam im Strudel um....Doch nun ward es im Himmel wiedergeboren als eine der königlichen Gemahlinnen Indras. DieSeligkeit sollte aber nur kurze Zeit währen. Denn bald zerfloss die kleine Vogelleiche im Wasserzu Atomen, und darum musste die Seele des Vögleins abermals in irdischer Gestalt wiedergeborenwerden. Als Indra seine Gemahlin entliess, fragte er sie, welche Gestalt sie für ihr neues Lebenwünsche, und sie wählte mit gutem Vorbedacht diejenige eines Elefanten, weil dessen riesiger Körper,besonders aber die Knochen, auch nach dem Tode noch lange Zeit nicht der Vernichtung an-heimfallen können. Die Seele des ehemaligen Vögleins — gleichzeitig auch diejenige einer Ge-mahlin des Gottes Indra — wurde am Ganges als Elefant wiedergeboren, der bis zum Tode anden Ufern des Stromes blieb. Der Leichnam fiel in die vorbeiströmenden Fluten, und seine Seeleflog abermals nach Indras Himmel empor, um endlose Jahre lang das Götterglück zu geniessen.
Sobald die Hinduärzte den Zustand eines Patienten als hoffnungslos erkennen, beschliessendessen Freunde und Verwandte auf der Stelle, ihn „der Gangä zurückzuerstatten“. Es fällt keinemein, dass man die Stunde des Ablebens hinausziehen, den Kampf mit der Krankheit weiter fort-setzen, den Kranken vom Tode retten könne. „Leben und Tod“, heisst es da, „stehen bei den
Göttern, von uns aber hängt es ab, den Sterbenden zu den heiligen Wogen zu bringen.“ Darauf
wird der Kranke auf eine Tragbahre gelegt und, wenn es dunkel ist, bei Fackelschein hinaus-getragen; jedenfalls aber eilt man, vorwärts zu kommen, aus Furcht, der Kranke könnte am Endeschon unterwegs verscheiden. Man kann sich vorstellen, welche Seelenqualen der Unglücklicheauszustehen hat, wenn man ihn schleunigst aus dem Hause hinwegschleppt und er Abschiednehmen muss von seinen Angehörigen, die zu Hause bleiben und im Augenblicke der Trennungin lautes Wehklagen ausbrechen.
Sobald die Last an das ersehnte Ufer des Flusses gebracht worden ist, schart sichdas Geleite dicht um den Sterbenden und verlangt von ihm, dass er seinen Blick nach demWasser wende, das sich vor ihm ausbreitet, und die Worte spreche: „Mutter Gangä, ich bin
gekommen, um dir ins Antlitz zu schauen.“ Da der Tod gewöhnlich nicht sofort eintritt, so
legen die Verwandten den Kranken in irgendein niedriges, feuchtes, elendes Strohzelt am Ufer,wo der mit dem Tode Ringende das Scheiden der Seele aus dem Körper abwarten muss. Aneinigen Stellen sind zur Aufnahme der Kranken etwas erträglichere Gebäude aufgeführt. Sie starrenaber so von Schmutz und sind so sehr mit Menschen überfüllt, die im letzten Todeskampfe