6o
SUDINDIEN.
Siehe da, rasch, fast möchte ich sagen unter unsern Augen, spriesst ein kleinerMango-Strauch empor, zu welchem der Tausendkünstler nur wenige Minuten vorher den Keimin das Erdhäufchen gelegt, das er dann mit einem groben Gewebe bedeckt hatte. Es steigtallmählich ein Stämmchen empor, Blättchen entfalten sich, die Bildung einer Frucht steht zuerwarten_ Nachdem der Tausendkünstler diese oder eine andere Phase der wunderbaren Ent-
wickelung vorgezeigt hat, versteckt er das Bäumchen unter einem graubraunen Lappen, worauf ernach einer Pause von wenigen Minuten das Stämmchen von neuem vorweist, mit unverhohlenemTriumph, denn der Mango wächst und wächst!... Wie die Eingeborenen dieses bei all ihrerGewandtheit fertig bringen, ob sie (vor unser aller Augen und unmittelbar zu unsern Füssen )durch überlegene Kunst im Stande sind, Keime und Stämmchen zu vertauschen, bleibt unbegreiflich.In frühem Zeiten verbot die abendländische Geistlichkeit ihren Landsleuten, ein solches Ver-führungskunststück des Satans mit anzusehen. Eleutzutage scheinen selbst Naturforscher geneigtzu sein zuzugeben, dass den Eingeborenen Indiens Geheimnisse der Natur bekannt sind, vermögederen sie diese und jene uns wunderbar dünkende Erscheinung hervorrufen, wobei sie weder zumBrennspiegel noch zu grobem Betrüge ihre Zuflucht nehmen.
Nun aber ein erst recht wundersames Schauspiel!... Die Männer, die mit dem Wirbelihres Kopfes die Kokosnüsse aufgefangen hatten, binden ein Mädchen aus ihrer Mitte mitStricken, umwickeln es gleichsam mit einem starken Netz und stecken es in einen engenKorb. Dann beginnt ein alter Mann in den Korb mit einem Dolche zu stechen, durchlöchertihn durch und durch und springt schliesslich durch den durchgeschlagenen Deckel des Korbes.Das Mädchen ist augenscheinlich verschwunden; man hört nur dumpf, wie aus dem nahenLaubwerk, die Stimme eines weiblichen Wesens, ähnlich der Sprache eines Bauchredners. Undplötzlich, als schon alle im Begriff waren sich die Augen zu reiben, überzeugt, dass das Mädchenmit erstaunlicher Gewandtheit aus dem Korbe unvermerkt entschlüpft sei, steigt sie munter undunversehrt aus demselben heraus!
Wir befinden uns offenbar in einem Lande, wo die Grenzen zwischen der natürlichenOrdnung der Dinge und Demjenigen, was nach der europäischen Weltauffassung mit allen Anzeichendes Wunderbaren behaftet ist, noch nicht gezogen sind und wol auch noch nicht abgestecktwerden können. Deshalb ist auch gerade in Indien unter der Initiative einer vielgereisten kenntniss-reichen Russin, der Frau E. P. Blavatskij, der Gedanke aufgetaucht, dass es möglich, ja nothwendigsei, eine kosmopolitische Gesellschaft von Theosophen zu gründen, von Erforschern der Wahrheitim weitesten Sinne des Worts, eine Gesellschaft, die den Zweck hat, Adepten zu erwählen unterMenschen jedes Glaubens und jeder Rasse, sich tiefer und tiefer zu versenken in die verborgenstenGeheimlehren der Religionen des Morgenlandes, Asiaten zu aufrichtigerm geistigem Verkehr mitgebildeten Abendländern heranzuziehen, geheime Beziehungen mit allerlei Oberpriestern, Asketenund Wunderthätern zu unterhalten u. s. w. Hier in Madras, in der Vorstadt Adiar, am Flüsschendesselben Namens, wurde das Centrum der neuen, eigenartigen Bruderschaft gegründet. Alsthätiger Mitarbeiter und Freund unserer begabten Landsmännin, die in Russland unter dem NamenRadda-bay sich einen literarischen Namen erworben hat, erwies sich der amerikanische OberstOlcott. Verzweigungen der theosophischen Loge von Madras verbreiteten sich in sehr bedeutenderAnzahl über Asien, Amerika und Europa . Einige Organe der periodischen Presse widmen sichspeciell der Constatirung, zum Theil auch dem Studium der unerklärbaren psychischen Phänomeneauf dem Gebiete des Yogismus, d. h. der magischen Willensacte des Menschen, für welche dieSchranken des Raumes und der Zeit zu existiren aufhören.
Frau Blavatskij rief eine wahre Flut von Entlarvungen ihres „Charlatanismus“ hervor, jasie musste infolge des Argwohns der Engländer die von Wundern erfüllte, von ihr so heiss