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Orientreise ... Nikolaus Alexandrowitsch von Russland 1890-1891 / verfasst von ... E. Uchtomskij
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HONGKONG UND KANTON .

Worauf hat sich wol eine so absprechende Ansicht zu gründen vermocht? Ging sie ausder Beobachtung hervor, dass die Eingeborenen des Reiches der Mitte nicht nach Art der be-wusst modernen Japaner urplötzlich in unbeschreibliches Entzücken geriethen über den aufge-klärten Zustand Europas und Amerikas ?

Gleich den Hellenen, denen lange Zeit alles Fremdländische für barbarisch galt, hegen dieChinesen als Masse für das Abendland gründliche Verachtung und halten den Gesammtbau ihrereigenen Lebensordnung, die Frucht ihrer eigenen, ungezählte Jahrhunderte der Entwickelungumfassenden Civilisation für eine Errungenschaft, die der ganzen Welt zum Vorbild dienen könneund solle. DasReich der Mitte nennen sie ihr Vaterland, welchen Namen übrigens auch diealten Inder und Iranier ihrem Lande geben.

Herder blickte auf das Himmlische Reich als auf eine einbalsamirte, mit Hieroglyphen ver-zierte, in Seide gehüllte Mumie. Andere Denker verglichen diesen starren, halbschlummerndenRiesenstaat mit einem Sumpf und sagten China eine baldige Auflösung, den bevorstehendenUntergang voraus.

Als Vertheidiger des Himmlischen Reiches trat in unserrn Jahrhundert der italienische Schrift-steller Ferrari auf. In dem von ihm herausgegebenen WerkeLa Chine et lEurope sucht er zubeweisen, dass Chinas Entwickelung der abendländischen parallel lief und dieselben Umwälzungenim Reiche des Geistes durchmachte.

Philosophen lehrten dort fast zur selben Zeit wie Pythagoras . Eroberer traten zur ZeitAlexanders des Grossen und der Römer mit ihren Ruhmesthaten auf, Barbaren brachen in das Reichzur selben Zeit ein, als die Cultur der Cäsaren von solchen zerstört wurde. Die kaiserliche Gewaltbekleidete sich mit der Würde des Hohenpriesters zur Zeit des Papstes Gregors des Grossen. Diechinesische Gelehrsamkeit blühte zur Zeit Abälards und des Thomas von Aquino . Die dramatischeKunst erreichte einen gewissen Grad der Vollkommenheit, als in Italien dieGöttliche Komödie geschaffen wurde. Die besten Dichter des Himmlischen Reiches, sein Zeitalter der Wiedergeburtund des Studiums seines Alterthums stehen zeitlich der Epoche des Petrarca und Boccaccio naheund entsprechen dem Wie der er wachen der classischen Welt. Der Westfälische Friede und dieFranzösische Revolution finden ebenfalls ihre Analogien in der Geschichte Chinas . Während zweiDrittheilen seiner Existenz ist es Europa um eine Generation voraus. In der mittelalterlichenPeriode fallen dort und hier die bedeutungsvollsten Jahre so genau zusammen, dass diese Ueber-einstimmung ans Wunderbare grenzt. Vom Jahre 1400 an bleibt China vielleicht um dreissigJahre zurück.

Mit andern Worten, zwischen beiden voneinander so ungeheuer weit entfernten Ländernherrscht ein geheimer Zusammenhang. In der abstract gedachten Seele der Menschheit entwickeltsich gewissermaassen parallel eine und dieselbe schöpferische Thätigkeit. Die Chinesen lebten undleben ganz normal, an der Hand fester, altersgeheiligter Grundsätze, die ihren gesammten Staats-organismus beseelend durchdringen.

Als China mit dem Abendlande zuerst in Berührung trat, gerieth es anfänglich über demAnblick von dessen materieller Macht in Bestürzung. Aber weil es von alters her seine Blickehauptsächlich auf alles Irdische richtet, sich besonders die Wohlfahrt indiesem Leben angelegensein lässt, viele Millionen von Positivisten erzieht und einer streng utilitarischen Auffassungder Dinge huldigt, haben die Söhne des Himmlischen Reiches, die Verdienste der Fremdculturweder gering schätzend noch übertreibend, beständig fortgefahren, sich dieselben langsam und mitgrösster Vorsicht anzueignen, in demselben Maasse, wie sie sich fähig erwies, den mannichfaltigenBedürfnissen und natürlichen Verhältnissen des Landes zu entsprechen. Die verschiedenen äusser-lichen Details der abendländischen Cultur sind für die Chinesen nicht unterscheidbar. Sie hängen