Band 
Zweyter Band mit sechs und vierzig Kupfertafeln.
Seite
354
JPEG-Download
 

354

\

die angewandte Mathematik im Allgemeinen, sehr ungünstiges darin bestehendesvörurtheil: dafs Mehrere die Theorie dieser vorzüglich auf Beobachtungen und Erfah-rung , so wie auf die Kenntnifs von den Kräften des fliessenden und stark bewegtenund falienden Wassers, der Menschen und ihiere, so wie des windes, auf einegünstige wähl der Bauconstructionen und vielen andern Einwirkungen, beruhendeWissenschaft, also auch den xheil der zu ihren Gebiete gehörigen Maschinenkunde,in einem auf blofse Hypothesen beruhenden calcul gesucht haben. *)

Die Theorie, von dem griechischen Worte Bsoo^tivv\ abgeleitet, ist aber eigent-lich diejenige Wissenschaft, welche die Maximen eines wissenschaftlichen Verfahrenserklärt, die zum glücklichen Erfolg führenden Mittel lehrt, und diese gehörig durchBeweise begründet. Die Römer bezeichneten sie mit dem worte ratiocinatio oderars contemplativa, und die Franzosen verstehen darunter contemplation et me'ditationprofonde. Die Theorie lehrt also allgemeine Wahrheiten oder Maximen.

Die präktik (Ausübung), ist die zweckmäfsige Anwendung dieser Lehren bey derAusführung; die Bekanntschaft mit den bisher glücklich angewendeten Eauconstruc-tionen aller Art ; und die zweckmäfsige Auswahl dieser letztem , sowohl in Hinsichtder bauwissenschaftlichen zwecke als der stärke, Dauer und oeconomie, zuweilenauch der Eleganz und Harmonie der einzelnen Theile eines Bauwerkes, wie z. b.beym Brückenbau!

Man sieht daher, wie nothwendig dem Ingenieur die Vereinigung der Theoriemit der durch Raisonnement begründeten Praxis ist. Seine praktischen Kenntnissemüssen aber bey weitem nicht allein aus seiner eigenen Erfahrung bestehen , dennda würden sie sehr eingeschränkt seyn, sondern vielmehr ans der Erfahrung allerVolker und aller Jahrhunderte, so weit es ihm möglich ist, sich damit bekannt zumachen, und diese Erfahrung wird er sich, wie ich mir schmeichle, zum Theil,aus diesem werke aneignen können. Es sind daher diejenigen sehr irrig daran,welche einem solchen werke, worin nicht viele Formeln stehen, die Theorie abspre-chen. Also mufs diejenige von der Maschinenkunde, durch wirkliche Resultate be-stätiget werden, und der Ingenieur, welcher darin eine glückliche Unternehmungzu Stande bringen will, mufs sowohl die Theorie kennen , als mit der constructionder Maschinen, ihrem ökonomischen Effecte und den Wirkungen derjenigen Kräfte,die ihm zu ihrer Bewegung zu Gebote stehen, bekannt seyn, so wie die einzelnenTheile der Maschinen anzuordnen wissen»

Von diesen Grundsätzen ausgehend, werde ich auch in dieser Abtheilung derWasserbaukunst, wirklich ausgeführte Maschinen beschreiben, ihre construction durchgenaue Zeichnungen erklären, ihre ökonomischen Effecte mittheiien, und nur danneine theoretische Berechnung über diese letztem anstellen, wenn sie von der Wir-kung der Maschinen unbedeutend abweicht; oder um das Mangelhafte der bisherigentheoretischen Lehren zu beweisen.

*0 Auf die Wasserbaulamda kann man die Worte vontenelleh anwenden; er sagt; X»es plus difüciles detous ]es avts seist ceux dont Jes objets sout clxangeans, qui ne permettent pas aux esprits bornes i’appli-cation eommode de certaines rdgles et qui demaudent k chaque moinein les ressources naturelles et mv-pvereus d’un genie iteureux.