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1 (1798) Schilderung des Gebirgsvolkes vom Kanton Appenzell / von Joh. Gottfried Ebel
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164
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ziger Eingeborner, ſo wie unter den Nonnen nur einigeaus dem Lande ſind. Dieſe vier und zwanzig fremde Pfaf-ſen erbetteln von den Landleuten nicht nur alles, was ſiebeduͤrfen; ſondern ſie pumpen ſogar den Ueberfluß dieſerHirten, ja ſelbſt den letzten Kreuzer aus den Haͤnden derArmen an ſich. In dem Megleſen findet die geiſtliche Liſtein heiliges Mittel, ungeſtraft die Taſchen der Glaͤubigen zu leeren. Jede Meſſe koſtet einen halben Gulden, unter vier und zwanzig Kreutzer lieſet ſie kein Geiſtlicher. Je-der bemittelte Mann vermacht vor ſeinem Tode SummenGeldes zu Hunderten von Meſſen. Für alle Kranke, Sechswoͤchnerinnen, fuͤr die Geſundheit der kranken Kuh undZiege, fuͤr den guten Preiß des Baumwollengarns, fuͤrtauſenderlei Dinge laßt der In neroͤdner Meſſe leſen.Die aͤrmſte Frau bringt den letzten Gulden, um fuͤr dieSeele ihres verſtorbnen Mannes beten zu lafſen. DieWeltgeiſtlichen erhalten oft acht, zehen, zwanzig Gulden,die Kapuziner aber dreißig, achtzig, bis hundertzwanzigGulden auf einmal fuͤr zu leſende Meſſen. Auch die Schul-kinder bekommen bisweilen ſechs und acht Gulden, wofürſie auf den Graͤbern don Verſtorbnen eine gewiſſe AnzahlGebete plappern muͤſſen. Die Pfaffen und Geiſtlichen,mit dieſer anſehnlichen Einnahme noch nicht zufrieden, trei-ben ſogar Wucher mit dieſer geiſtlichen Waare, um de-ſto mehr uͤbernehmen zu koͤnnen. Nicht mehr als eine Meſ-ſe darf taglich geleſen werden; jeder Pfarrer muß vermoͤ-ge ſeines Amtes woͤchentlich drei Meſſen leſen, es bleibenihm daher nur vier Tage zu Lohnmeſſen. Um nicht dreiTage ohne Gewinn zu verlieren, ſchickt er ſeine drei Pflicht-meſſen in ein armes Kloſter, z. B. nach Frauenfeld imThurgau , wo er fuͤr die Meſſe vierzehn Kreutzer bezahlt,waͤhrend er drei, jede fuͤr einen halben Gulden lieſet.

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