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Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen : in ihren Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie / von Hermann Schlagintweit und Adolph Schlagintweit
Entstehung
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SPALTEN UND MÜHLEN.

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Winkel mit dem Ufer nach der Firnlinie zu bildet. Doch wird dieser in den folgenden immerstumpfer, die Spalten werden kleiner, und sie verschwinden, ehe sie ihren Winkel um40 oder 50° verändert haben. Wir können uns die Entstehung solcher Gruppen so den-ken, dass der Gletscher an einem Felsenriffe der Ufer aufgehalten, eine Spalte wirft,die, normal gestellt, rnit der Spitze nach aufwärts gerichtet ist. Da die inneren Theilederselben sich schneller bewegen als die seitlichen, äusseren, so wird dadurchdie Spalte immer mehr aus der ursprünglichen Richtung gedreht; sie verlässt zugleichallmählich die Stelle ihrer ersten Entstehung, und macht der Bildung einer neuen, eben-falls wieder normalen Platz. So kann es geschehen, dass in der beschriebenen Ordnungeine Reihe von Spalten sich entwickelt. Je mehr sie sich aber von der Anfangsrichtungentfernen, desto grösser wird die Möglichkeit des Schliessens, desto mehr setzen sie sichdem Drucke des Gletschers aus, daher ihr baldiges Verschwinden. Eine Reihe solcherSpalten findet sich auf unserer Karte der Pasterze am linken Ufer, etwas unter derLinie B.

Die Längenspalten entstehen besonders an Stellen, welche eine Ausbreitungder Gletschermasse nach den Seiten begünstigen; sie finden sich daher überall, woGletscher in weitere Beete eintreten. Jedoch ist der Raum, den sie einnehmen, vielkleiner als die Grösse, um welche der Gletscher breiter wird. Dafür, dass an solchemAusbreiten die Verschiebbarkeit Theil nimmt, spricht auch der Umstand, dass damitgewöhnlich ein Abnehmen der verticalen Tiefe, ein Senken der Oberfläche verbündeist. Bisw'eilen sind sie nicht wie die übrigen Spalten geradlinig, sondern sehr unregel-mässig zickzackfönnig gekrümmt; ein Beispiel dafür sahen wir am Hochjoch.

Nahe am Gletscherende verbinden sich solche Längenspalten sehr häufig mit Rand-spalten in der Art, dass sie fächerförmig das Ende umgeben; diese Spalten haben oftsehr grosse Breite und Tiefe.

Eine allgemeine Zerklüftung der Gletschermassen von tiefen, unregel-mässig vertheilten Spalten (crevasses descarpement) tritt ein, wenn der Gletscher grös-seren Unebenheiten des Thaies begegnet. Das Eis wird dadurch nicht selten in iso-lirte Massen, Eisnadeln, getrennt, die manchen Gletschertheilen eine eigenthümlicheSchönheit verleihen. Sie sind am Absturze der Pasterze sehr entwickelt; allgemeinbekannt ist auch ihr Vorkommen am Rhonegletscher, am Mer de glace, am Grindel-waldgletscher u. s. w. Am Vernagl, dessen Sohle so ungemein geneigt ist, warendiese Spalten nicht, wie bei den übrigen Gletschern, nur auf eine kleine Stellebeschränkt. Als die letzte Periode der Oscillationen dieses Gletschers im Jahre 1843 be-gann, war er so zerklüftet, dass es bis 1845 unmöglich war, denselben in irgend einerRichtung zu überschreiten. 1846 1847 war nur an dem ebensten Theile mit vielenUmwegen ein Uebergang möglich. Wir waren überrascht, im Jahre 1848 zu finden, dassauch da noch die Richtung des Ueberganges mit allen Einzelnheiten kleiner Biegungeneingehalten Werden musste. Erst im Jahre 1849 war der Gletscher an mehreren Stellengeebnet. Die bedeutendste Zerklüftung bemerkten wir 1847 etwas oberhalb Plattei;

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