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Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen : in ihren Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie / von Hermann Schlagintweit und Adolph Schlagintweit
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209
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LÄNGENTHÄLEH.

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specielle Beispiele in den Längenthälern der Drau und Rienz anführen. Dieselben bildeneigentlich nur eine grosse Thaleinsenkung (das Pusterthal), welche die lange Kette krvstal-linischer Schiefer in den Tauern von den südlichen Kalkgebirgen trennt und nach zweiverschiedenen Seiten sich abdacht.

Das Drauthai. *)

ln dem oberen Theile desselben von Lienz bis zu seinem Ursprünge können wir deutlichdrei Etagen unterscheiden.

Das grosse Becken von Lienz bildet die erste, jenes von Sillian die zweite Stufe;

die Thalenge, welche sie verbindet, ist sehr lang; die Glimmerschiefer auf dereinen und besonders die Kalkberge auf der anderen Seite steigen hoch empor;es ist dieser Engpass als Lienzer Klause bezeichnet. Später wird die Thalsohleetwas breiter, die Neigung aber bleibt stets ziemlich bedeutend.

Das zweite ausgedehnte Becken von Sillian ist stark mit Geröll eingeebnet,theilweise noch mit Sümpfen erfüllt und trägt alle Spuren eines früheren See-beckens. Auch die auffallend geringe Neigung des Bodens, in welcher sich dieDrau in vielen Windungen bewegt, weist darauf hin. Die Aufstauung des Was-sers hängt mit der vorhergehenden Thalenge zusammen, in welcher tiefe Ero-sionen unverkennbar sind. Auch trugen dazu die zahlreichen Erdstürze desDrauthales bei, welche oft das Rinnsal des Wassers überschütteten.

Von Sillian bis Inichen . Die Neigung nimmt zu, auch treten die Berge näher zu-sammen. Zwei kleinere Becken lassen sich hier erkennen, welche durch her-vorstehende Felsenkuppen und durch Senkungen getrennt sind. Dieselbensind jedoch so klein, dass wir sie mit den anderen grossen Mulden nicht iden-tificiren können.

Drittes Becken in Inichen. Es ist ebenfalls sehr umfangreich.

Von hier bis zur Wasserscheide bei Toblach wird zwar die Neigung wiederetwas grösser, aber die Berge rücken nur wenig zusammen. Die Thalsohlebleibt stets breit und bebaut, mit einer gleichmässigen Neigung nach abwärts,liier sammelt sich die Drau aus mehreren Quellen, vorzugsweise aus jenen vonden Kalkfelsen zur rechten Seite. Auf der Wasserscheide tritt nirgend einKamm auf; der Uebergang von einer Richtung der Abdachung in die andereist sehr allmählich und der Character des Thaies bleibt dabei ganz derselbe. Eshat die Form eines kleinen, wenig geneigten Plateaus, welches von regelmäs-sigen, 30004000' hohen Bergzügen eingeschlossen ist, so dass niemand hiereine so wichtige Wasserscheide vermuthen würde * 2 ). Dieses merkwürdige Thalsetzt sich hierauf in derselben Richtung als Grenze zweier Gebirgssvsteme fort

4) Wir übergehen hier den unteren Theil des Thaies von Lienz bis zur Mündung in die Donau .

2) Dieselbe liegt bei der Höhe von Toblach nur 4108 Par. Fuss über dem Meere.

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