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Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen : in ihren Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie / von Hermann Schlagintweit und Adolph Schlagintweit
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CAP. XVIII. DIE GRENZEN DER VEGETATION NACH DER HÖHE.

ÖOÜ

Zusammenhang der Vegetationsgrenzen mit climatischen Ver-hältnissen und mit der Bodengestaltung.

Die Vegeta lionsgrenzen im Gebiete der Alpen zeigen sehr auffallende Veränderun-gen/ Betrachtet man ihreMittelwerthe für grössere Abtheilungen, so lässt sich ein Einflusssowohl der geographischen Lage, als auch der Bodengestaltung und der Massenhaftigkeit desGebirges deutlich unterscheiden. Es werden nämlich die Grenzen höher, je mehr mansich den südlichen und südwestlichen Gruppen nähert; eine Erscheinung, welche mitden allgemeinen Veränderungen des Climas zusammenhängt. Die mittlere Temperaturändert sich in diesen Breiten um 0,5 bis'0,7° G. für \ Grad; zugleich zeigen hierdie Isothermen eine deutliche Senkung von Westen gegen Osten. Die Temperaturerniedri-gung in den östlicheren Alpentheilen bewirkt zunächst in Oestreich, Steiermark u. s. w.auch eine Depression der Pflanzengrenzen im Gegensätze zu den westlicheren Gruppen.Es zeigt sich aber der Einfluss der Breite und Länge gewöhnlich erst bei dem Vergleichevon Puncten grösserer horizontaler Entfernung, - da durch die Vertheilung der Thäler undder hohen Alpenkämme mannigfache Störungen bewirkt werden.

Viele und sehr wesentliche Differenzen in den Vegetationsgrenzen lassen sich durchdie geographische Lage allein nicht erklären;" e'in anderer wichtiger Einfluss ist nochdurch die Form des Gebirges bedingt, indem die Vegetationsgrenzen im allgemeinen einenZusammenhang mit der mittleren Grösse der Erhebung zeigen, und in massenhaften hohenAlpengruppen höher reichen -als in niederen Zügen. Die absolute Höhe einzelner Berge istdabei von geringererjledeutung als die Erhebung ganzer Gebirgsmassen mit Einschluss derThalsohlen. Der Einfluss, .den die Massenhaftigkeit der Erhebung auf die Begünstigung derVegetation ausübt, ist im.wesentlichen derselbe, welcher sich auch für die Temperaturder Luft und des Bodens deutlich erkennen Hess; er entspricht dem Unterschiede,welchen mau zwischen dem Clima eines Plateaus und jenem seiner Ränder oder freierGipfel in der Nähe bemerkt 1 ), was durch Alex. v. Humboldt auf der Hochebene von Quito zuerst nachgewiesen wurde. Für die Vegetation insbesondere scheint aber eine massen-hafte Erhebung auch dadurch günstig; dass dabei noch an sehr vielen hoch gelegenen Stel-len weit geringere Neigungen auftreten, als dieses bei gleicher Höhe in-niederen Alpen-gruppen 2 ) der Fall ist, wo sich bei 5000 7000 Fuss schon freie Gipfel mit steilen Wän-den zeigen. Es wird theils durch die Bodengestalt, theils durch die verminderte Zugäng-lichkeit für Winde und Stürme 3 ) das zahlreiche Auftreten einzelner Pflanzen, vorzüglich

1) Die hier angeführte Erscheinung macht sich hauptsächlich im Mittel aus verschiedenen Beo-bachtungen bemerkbar; indem an einzelnen Stellen durch eine vorzugsweise günstige und besonnteLago des Randes und andere nur locale Verhältnisse manche Anomalien möglich sind.

2) Wir bitten, die obigen Betrachtungen zunächst nur auf die Alpen zu beziehen. Da diese Ver-hältnisse von der Form der Erhebung und der Vertheilung und Bildung der Thäler abhängig sind, sokönnen sie in verschiedenen Gebirgen wesentliche Veränderungen erleiden.

3) Vgl. über den direclen Einlluss der Winde auf die Pflanzen, unabhängig von der Tempera-