197
Zweites Kapitel. Zeugungstheile.
rung gestatten, und dieser Umstand nöthigt uns, hier zunächst die Ver-schiedenheiten der Form, welche die Geschlechtsorgane darbieten, naherzu erörtern.
Die Fortpflanzung ist, wie das Leben überhaupt, Resultat zweierauf einander wirkender Faktoren. Zu den niedrigsten Organismen,wo eine solche Trennung der belebenden Thätigkeiten weniger sich be-merklich macht, können auch die Faktoren der Fortpflanzung nicht alsgetrennte hervortreten, und daher finden wir bei allen solchen Geschöpfeneinfache, der Entwickelung fähige Keime. Allmählig arbeitet sich ausdieser Indifferenz ein erregender und ein erregter Faktor hervor,welche beide anfangs noch in einem und demselben Individuum ruhen(Schnecken), bald aber in zwei verschiedene Individuen sich trennen,und dadurch den verschiedensten Charakter dieser beiden Individuenbedingen. Dort üppige Kraft, allseitige Beweglichkeit, fortgesetztesDrängen nach der Befriedigung innerer, spornender Lüste; hier duld-sames Leiden, stille Zurückgczogenheit, Harren auf Erregung und end-liche Befriedigung in der Auffindung des fehlenden, unbekannten Etwas.Jener Charakter heißt männlich, dieser weiblich. Wo aber findetsich wohl die Verschiedenheit dieser beiden Charaktere deutlicher aus-gesprochen, als in der gcstalcreichen Welt der Kerfe? — Hier zeigt sichuns der angegebene Unterschied auf eine so grelle Weise, daß die hoheBedeutung desselben keinem Zweifel mehr unterliegt. Wir werden imphysiologischen Kapitel wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen,und erst dort die wahre Stelle seiner Schilderung finden, hier durfteer nur angedeutet werden, um zu der ersten Verschiedenheit der Ge-schlechtsorgane gelangen zu können. Diese ist nun gefunden, wir habenzwei Arten derselben kennen gelernt, und als männliche und weib-liche bezeichnet.
§. 13L.
Der Unterschied beider Zeugungsthcile liegt also tief in den Be-dingungen des Lebens begründet. Es fragt sich aber zunächst, wie wirder sich uns sichtbar offenbaren? — Anatomisch betrachtet ist der Charakterdes Weibes Keimbildung, der des Mannes Samenabsonderung ; alleOrgane also, welche Keime, Eierchcn, zeigen, werden weibliche, alle,welche Samcnfeuchtigkeit bereiten, männliche heißen müssen. Sozeigen sich denn auch die weiblichen Geschlechtsorgane der Kerfe alsSchlauche voll Eier, Eierstöcke;. die männlichen als samcnabsonberndeGefäße oder Drüsen; von beiden entspringen die oben bezeichneten,näheren oder ferneren Ausführungsgänge, welche im Allgemeinen der