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Zweites Kapitel. Geschichte der Systeme.
Es ist nicht zu läugnen, daß in dieser Anordnung viele natürlicheVerwandtschaften ausgedrückt sind; allein eben so viele scheinen aucherkünstelt und widernatürlich. Nichtig scheint die auch von Gold fußund anderen deutschen Naturforschern ausgesprochene Meinung, daßdie Thiere überhaupt, also auch die Kerfe, nicht in fortlaufender Reihevom einfachsten bis zum vollkommensten aufsteigen, sondern daß sich dieGruppen an mehreren Stellen berühren, andere Formen in sich auf,nehmen, und häufig durch wahre Zwischenglieder (Durchgangsgrup,pen) an einander geknüpft werden. Wenn nun auch die bestimmteAnnahme von fünf Hauptgruppen ohne genügenden Grund erkünsteltsein mag; wenn wir ferner nicht einsehen, in welchem Verhältniß nachdem Snstcm des Verfassers die Zwifchcngruppen zu den Hauptord,nnngcn stehen, ob glcichwcrthig, oder untergeordnet; wen» endlich auchdie Hemiptercn mit Unrecht in zwei Ordnungen aufgelöst sind, unddie ganze Ordnung IHdio,»lera als eine völlig künstliche zu bctrach,tcn ist, indem hier Phryganecn, Scmbloden und Vlattwcspcn (len-Uii-ellanoüea) vereinigt wurden; so muß man doch gestehen, daß derVerfasser viel Scharfsinn, richtige Beurtheilung und Kenntnisse desGanzen verräth, und daß sein System als ein Versuch, von diesemGesichtspunkte aus die Thierwelt zu ordnen, eben nicht unnütz oderverunglückt genannt werden darf, obwohl seine Aufgabe im Ganzennoch nicht gelöst ist.
§. 352 .
Es bleibt noch übrig, das System, welches wir selbst entworfenhaben *) und in der Einleitung (S. mittheilten, näher aus einanderzu sehen. Zu dem Ende verweisen wir auf das Kapitel von der Ver-wandlung (S. ä47 u. ff.), wo unsere Eintheilung des ganzen Thier,reiches gegeben und das Verhältniß der Kerfe zu den übrigen Thierenschon angedeutet ist. Wir fanden dort als physiologischen Charakterdes Kcrfcs seine Organisation als BcwcgungSthicr, d. h. sein Zerfallenin Ringel und Glieder, die aber bei ihm zu dreien Hauptabschnittenverbunden waren. Solcher drei Hauptabschnitte giebt es bei keinemanderen Gliedcrthicr, und da wir eine ähnliche Sonderling bei denvollkommensten Nückgratthicrcn wiederfinden, so können wir darausschließen, daß die Kerfe die vollkommensten unter den Gliederthiercnseien. Um diese vollkommenste Stufe zu erreichen, bedarf das Kerfeiner allmähligcn Entfaltung, die sich als ein Hindurchgehen durch
*) De lnse^tornm nrUurLÜ. klsl,e. 1829. 8