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Ueber das technische Schul- und Vereinswesen Frankreichs / von Wilhelm von Nördling
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Folge das technische Vereinswesen eine gründliche Umgestaltung erleidenmüssten. Die, zwar in politischen Dingen sehr wandelbaren, in ihrerJustiz und in ihren administrativen Einrichtungen aber ausser-ordentlich conservativen F ranzosen werden es sich jedoch sicher-lich zweimal überlegen, ehe sie an den hundertjährigen, stetig empor-gewachsenen, fruchtreichen Baum ihres Ingenieurwesens die Axt an-legen. Und auch die misszufriedenen Elemente unter den Civil-Ingenieurenwerden sich die Frage stellen, bis auf welchen Grad sie nichtselbst dem Schatten dieses Baumes ihr eigenes Emporblühen verdankenund ob sie allein, ohne seinen Schutz den Stürmen der Zeit zutrotzen vermöchten? Für uns wenigstens ist es nicht zweifelhaft, dassdas hohe Ansehen, dessen die Ingenieure überhaupt sich in Frank­ reich erfreuen, dass ihr Ruf der Objectivität und Unnahbarkeit unddas hierin wurzelnde öffentliche Vertrauen wesentlich auf die in denstaatlichen Corps entstandenen, durch strenge Disciplin aufrecht er-haltenen und von den Corps in weitere Kreise übergegangenenTraditionen zurückzuführen ist. Mögen diese, natürlich auch nichtunfehlbaren, aber doch conservativen Corps immerhin je und je un-richtige Wege betreten, es liegt darin, dass ihnen die öffentliche Meinungvertrauensvoll darauf folgt, vielleicht eine mindere Gefahr, als wenn dieNation, des Steuermanns beraubt, zweifelsvoll und rathlos still stehenbliebe oder, hingerissen von noch minder berufenen Strebern undPopularitätshaschern, bald die eine, bald die andere, oft die entgegen-gesetzte Richtung einschlüge.

Der Hauptzug, welcher in dem französischen technischen Schul-und Vereinswesen für den deutschen Leser hervortritt, ist wohl dereiner ausserordentlichen Knappheit nach Zahl sowohl als Ausdehnungder Schulen und Vereine. Man mag diesen Umstand verschieden-artig beurtheilen, aber eine wohlthätige Folge hat er wohl gehabt:er hat die Bildung eines technischen Proletariats hintangehalten; einesProletariats, welches nicht nur erdrückend auf den unglücklichenBetheiligten selbst lastet, sondern auch durch Lockerung derDisciplin die staatlichen Interessen gefährden könnte. Denn darüberdarf man sich keiner Täuschung hingeben, dass ein mit Opfern zumStabsofficier herangebildeter Mann, wenn er zeitlebens nur Unterofficiers-dienste zu versehen bekommt, letztere nicht nur nicht besser, sondern(mit seltenen Ausnahmen) entschieden schlechter verrichten wird,als wenn er die höhere Bildung nicht empfangen hätte.

Es kann uns selbstverständlich nicht beifallen, die Einrichtungendes f r a n z ö s is c h e n I n g e n i e u r w e s e n s als ein allgemeiner Nachahmungwerthes Muster hinzustellen. Zustände, die in einem Lande, unter