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Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
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Einleitung: Entwickelungsgang der Menschheit.

zur vollsten Blüte zu bringen. Was freilich in China fast ganz zurücktritt, die Religion,die es hier nicht einmal zu einem einflußreichen Priesterstand gebracht hat, das ist inÄgypten der Mittelpunkt des Daseins, das Rückgrat der ganzen Entwickelung. Die ägyp-tische Religion ist nicht immer dieselbe geblieben, neue Knltusformen, neue mythologischeGestalten haben sich herausgebildet — aber es entspricht dem Beharrungsvermögen desalten Kulturvolkes, daß die alten Formen neben den neuen nicht verschwanden, sonderntreu bewahrt wurden; und daraus wieder folgt unmittelbar, daß sich mit der Zeit einunendlicher Wust von Glaubensformen aufhäufen mußte, den nur ein zahlreicher Priester-stand übersehen und ausnutzen konnte.

Gleich dem Chinesen hat auch der Ägypter in seiner Schrift das Palladium seinerKultur erkannt und sie immer hochgehalten. Es entsteht aber in Ägypten noch mehr wiein China eine Trennung zwischen Schrcibkundigen und Ungebildeten, und es entwickeltsich ein Beamtenadel oder eine Schreiberkaste, die es an Dünkel mit jeder andern Art desAdels, selbst dem Geldadel, aufnehmen kann. Auch die Freude an der mühsam erlerntenKunst, die Leidenschaft für breitspurige und überflüssige Schreibereien teilt die ägyptischeBüreaukratie mit jeder andern.

Was indessen dem Ägyptertum nach außen hin sein eigenartiges Gepräge verleiht,ist nicht die Schrift, sondern die gewaltige Entwickelung der bildenden Künste, vor allemder Architektur. Auch das Bild des heutigen Ägypten ist undenkbar ohne seine Pyra-miden. Vielleicht hat man in Babylonien mit nicht geringerem Eifer gebaut; aber wenndort die aus lufttrockenen Ziegeln errichteten Gebäude nach und nach zu formlosen Lehm-haufen verwittert sind, so hat der solide Steinbau der Ägypter in einem regenlosenKlima Jahrtausende fast unverändert überdauert und damit die Absicht seiner Erbauer-in wunderbarer Weise erfüllt — denn es sind nicht Königspaläste, zu deren Vollendungdie ganze Kraft des Volkes angespannt wurde, sondern Grabstätten und die Tempelder Götter.

Dennoch hat die ägyptische Kunst sich im Laufe der Jahrtausende eher rückwärts alsvorwärts entwickelt und ist nach einem frischen vielversprechenden Anfang mehr und mehrverknöchert. Im Grunde ist es die kühle Nüchternheit, die in Ägypten wie in China derKunst und der Wissenschaft verhängnisvoll geworden ist; beide sind niemals ganz denFesseln des praktischen Bedürfnisses entronnen. Die hohe Achtung, die dem Architektenwie dem Bildhauer als den Schöpfern göttlicher Tempel und Bilder gezollt wurde, warkein Sporn für sie, den höchsten Zielen zuzustreben. Aber wenn sich hier die freiere Ent-wickelung an unzerbrechlichen Schranken brach, so entlud sich die Erfindungskraft machtvollnach einer andern, nützlicheren Richtung: das Kunstgewerbe Ägyptens blühte früh aufund bewahrte von allen Schätzen der ägyptischen Kultur am längsten seine Kraft und seineFrische. Noch in später Zeit waren die Schnitzereien in Holz und Elfenbein, die buntenGefäße aus Fayence und Glas, die zierlichen Kunstwerke aus Bronze weithin berühmt;durch die Ausfuhr dieser charakteristischen Erzeugnisse hat Ägypten am stärksten und amdauerndsten auf die Kulturkreise in seiner Nähe eingewirkt.

Die ägyptische Wissenschaft in ihrer Gebundenheit bildet ein merkwürdiges Seitenstückzur chinesischen. Was ist nicht über das Wissen der Ägypter, ihre tiefen, von uns viel-leicht nicht wieder erreichten Erkenntnisse gefabelt worden! Was wir mit Sicherheit wissen,macht dem Volke Ehre, das aus sich selbst heraus Gewaltiges geschaffen hat; aber es zeigtuns auch, wie dem Mangel einer frei schaffenden Kunst das Fehlen der selbstlos forschendenWissenschaft entspricht, wie die Tradition alsbald den Sieg über die Erfahrung gewinnt.So nimmt die Heilkunst in der Zeit des alten Reiches einen verheißungsvollen Aufschwung,um dann völlig zu verknöchern; ist es doch den Ärzten dann verboten, andre als die über-lieferten Rezepte zu verschreiben! Vielleicht waren auch die Kenntnisse in der Mathematik,der Astronomie und der Technik mehr praktisch als theoretisch, mehr auf Erfahrung alsauf der Anwendung innewohnender Gesetze beruhend. Dennoch ist der Ägypter für diewissenschaftliche Forschung außerordentlich begabt; zur Zeit der Ptolemäer blühte, durchgriechischen Einfluß neu befruchtet, die Gelehrsamkeit in Alexandrien , und noch heuteist Ägypten der Mittelpunkt der islamitischen Wissenschaft.