62 Einleitung: Entwickelungsgang der Menschheit.
Südeuropa zahlreiche Stämme arisiert worden sind, die sich durch Sprache und Körper-bau sehr von den eigentlichen Ariern unterschieden. Das älteste Kulturvolk Italiens ,die Etrusker, gehört z. B. schwerlich zur arischen Rasse, in den Basken haben wir dieReste einer andern, einst sicher weitverbreiteten Urbevölkerung. Welcher Abstand besteht nochjetzt zwischen einem blonden Nordgermanen, einem brünetten Spanier und Italiener oderendlich einem Russen von jener häufigen Art, die den Zusatz mongolischen Blutes nichtverleugnet! Und wer sind die wahren Arier, denen die Sprache ursprünglich zugehört,die Blonden oder die Dunkelhaarigen? Noch immer ist eine Antwort unmöglich.
Ein Teil der Kultur muß sich in Europa an Ort und Stelle entwickelt haben, daszeigen die Funde in ihrer ununterbrochenen Reihe kleiner Fortschritte und Erfindungen;ein andrer Teil, z. B. die Metalltechnik, ist von außen gekommen. Die Quelle vielerdieser Kultureinflüsse ist ohne weiteres klar; wir können die große Zahl von Erfindungen,die aus Babylonien stammen, schon einigermaßen sondern von der geringeren Menge jener,die uns Ägypten geschenkt hat, während noch andre einstweilen nicht zu deuten sind. Ausder Lage der verschiedenen Teile Europas ergibt sich von selbst, daß die höhere Gesittungder alten asiatischen und afrikanischen Kulturvölker, als sie über das Mittelmeer drang,zunächst den südlichen Ariern zu teil wurde, und daß, als diese die Anregungen bereit-willig aufnahmen und kraftvoll weiterbildeten, sich endlich der Mittelpunkt der Kulturnach den nördlichen Küsten des Mittelmeeres verschieben mußte. Zwei arische Völkerwaren berufen, sich in der Vorherrschaft abzulösen: das Griechentum feierte seine Siegeauf geistigem Gebiete und bewahrte, auch als seine politische Kraft erlahmte, die Herrscher-macht im Reiche des Gedankens und der Schönheit; die Römer, an geistiger Bedeutungden Hellenen weit nachstehend, wußten die ganze Kraft der jungen arischen Kultur inpolitischen Einfluß umzumünzen, und sie errangen in der That dieser Kultur jene Vor-herrschaft über alle andern, die sie trotz der Zersplitterung des Altertums nach dem Ver-fall des römischen Weltreiches nicht wieder verloren hat.
In dem kleinen Griechenvolke feiern alle Vorzüge der arischen Rasse ihren höchstenTriumph — eine tiefdringende Denkkraft, eine blühende und doch nicht regellos schaffendePhantasie, kriegerischer Mut ohne Wildheit, religiöses Gefühl ohne Fanatismus wirkenzusammen, und die glückliche Lage des Landes lockt die Vermittler fremder Gesittung zuKauf und Tausch an die Küsten. Aber man darf nicht vergessen, welcher langen, anVerirrungen und Rückfällen nicht armen Zeit, welcher ernstlichen Arbeit es bedurfte, ehedas Griechenvolk die Höhe seiner Kultur erreichte. Geblendet von dem Glänze derschönsten Periode des Hellenismus hat man lange die unscheinbaren Anfänge übersehen,aus denen so Großes erwachsen ist; und doch ist es unendlich lehrreich, aus den plumpenGöttergestalten, den schwerfälligen Geräten der älteren Zeit zu erkennen, daß das Gefühlfür das Maßvolle und Schöne den Griechen so wenig wie ihre Philosophie als ein Ge-schenk des Schicksals zu teil geworden ist, sondern daß sie im mühsamen Ringen ihreAnlagen ausbilden und die fremden Kulturformen ihrem Wesen anpassen mußten, ehe siedas Höchste zu leisten vermochten.
Durch das Weltreich Alexanders des Großen wurden Keiine westarischer Kultur bisIndien verpflanzt, und dauernder wirkte noch das Römerreich auf den Orient. Wichtigeraber war der Einfluß, den die Römer anf den Norden Europas gewannen, wo inkräftigen Völkern durch die Einführung der Kulturschätze zunächst der Wunsch nach reichemBesitz, dann aber die Sehnsucht nach höherer Gesittung geweckt wurde. Von größterBedeutung endlich ist es, daß das römische Weltreich den geeigneten Boden bot für dieVerbreitung jener neuen, tieferen und edleren Weltanschauung, die sich im Christentumverkörpert und unter symbolischer Hülle der Menschheit erhabene sittliche Ziele vor Augenstellt. Es ist müßig, zu fragen, ob durch die Annäherung der Völker aneinander und diegewaltige Erweiterung des Gesichtskreises, wie sie das Römerreich ermöglichte, ein sittlich-religiöser Aufschwung gewissermaßen von selbst erzwungen und bedingt worden ist, oderob das Christentum sich auch ohne diese Vorbereitung endlich durchgerungen habenwürde — jedenfalls sind beide Erscheinungen einander in wunderbarer Weise entgegen-gekommen.