Igg Baukunst: Gotische Epoche.
statt dessen ist ein Laufgang angebracht; darüber folgen in jedem Joch zwei Spitzbogen-fenster und im Schildbogen eine Rose. Die Westfront der Kathedrale von Chartres istein echter Schöpfnngsbau und gehört, bis anf den Aufsatz des nördlichen Turmes unddas große Radfenster, in die Epoche der Frühgotik. Es sind in Chartres drei Portalevorhanden, die sämtlich in das Mittelschiff führen, und über denselben öffnen sich dreiMittelschiffsfenster; die Türme zeigen noch feste, spärlich durchbrochene Manermassen. —In der Normandie bildet die Abtei von Mcamp den Übergang znr Gotik; in Burgund ist es der Chor der Abteikirche zu Vezelay mit Umgang und radiantem Kapellenkranz,welcher zuerst den neuen Stil zeigt. Das erste ganz gotische Werk entsteht hier in der Kirchevon Val de Cheaux. In der Champagne werden Notre-Dame zu Chälons, sowie Fassadeund Chor von St. Remy zu Reims im neuen Stile erbaut. Der Chor von St. Reinyist gleichzeitig mit dem der Kathedrale von Paris, aber in Reims öffnen sich die Kapellengegen den Umgang in der Art, daß ihr Gewölbe in einen Kreis eingeschrieben wird. DieKapellen selbst sind kreisrund und mit vier Gratbogen, fünf Schildbogen und drei Gurt-bogen, letztere nach dem Seitenschiff geöffnet, überspannt. Die Chorkapellen von Notre-Dame zu Chälons sind noch feiner entwickelt als die von St. Remy .
Eine bemerkenswerte Umwälzung bewirkt der gotische Stil in der Ornament-skulptur, und zwar durch die jetzt aufkommende Nachahmung der einheimischen Pflanzen-formen. Zunächst sind es die Schulen der Domains royal, Burgunds , der Champagneund der Picardie, in denen der Akanthus und die Arazeenformen verschwinden, ebenso diePerlen, gezackten Bänder, Billets u. s. w. Bon 1140—1180 werden mit Vorliebe diekleinsten Pflanzen in den ersten Stadien ihrer Entwickelung nachgebildet. Die Kapitelleim Bau Sugers zu St. Denis geben erst Versuche in der neuen Art, ebenso die Kapitellean den oberen Arkaden des Chors zu Sens. Die ersten Knospen- oder Knollenblättererscheinen unter den Traufplatten der Dachgesimse, zunächst in kleinen Abmessungen undaus drei umgeschlagenen Blättchen gebildet, ähnlich wie bei den Kotyledonen. Eine weitereStufe des neuen Blattornamentes zeigt sich im Chor von Notre-Dame zu Paris , obgleichdie Hauptform der Kapitelle antikisierend bleibt. Die Vollendung des Blattwerkes erreichtzuerst die Schule von Clnny an den Arkaden des Kapitelsaales von Vkzelay, dessenKapitellblattwerk dem Akelei nachgeahmt ist. Das Phantastisch-Figürliche der romanischenEpoche verschwindet nun ganz. Die goldene Zeit der frühgotischen Ornamentik fällt indie Jahre von 1190 —1215 und zeigt sich namentlich am Schiff und'den unterenFassadenteilen von Notre-Dame zu Paris , an der Kathedrale von Laon, an dem Unter-bau der Kathedrale von Rouen , an einem Teil der Kathedrale von Lisienx und an denChören der Abteikirche von St. Remy zu Reims, St. Leu d'Esserent, Eu und Vezelay .Es kommt dann ein freier Stil auf, dem das vollentwickelte Blatt als Vorbild dient.Das Rankenwerk der Archivolte von der Pforte der heiligen Jungfrau an Notre-Dame zu Paris gibt in dieser Art die stilisierte Nachahmung eines heimischen Naturvorbildes.Das Poitou bleibt länger der romanischen Überlieferung treu; an der Kathedrale vonPoitiers kommt noch eine unentschiedene Mischung des antikisierenden und heimischenPflanzenornamentes zur Anwendung. Falls noch Tiergestalten vorkommen, sind dieselbenindividuell gestaltet. Vorzügliche Beispiele der Nachahmung einheimischer Pflanzenformenbieten die Ranken an den Seiten des Mittelpfostens am Mittelpvrtal der Kathedrale vonSens, die Kapitelle des Chors von Vezelay mit dem Motiv des Farnkrautes uud desWegebreits, die Kapitelle der Chorgalerie von Notre-Dame zu Paris und die Kapitelleder Kirche von Monreale bei Avallon in Burgund mit dem Motive der Kornwicke. DieKapitelldeckplatte der frühgotischen Rundpfeiler ist quadratisch mit abgestumpften Ecken,wird aber dann achteckig, wie die im Chor der Kirche Semur-en-Anxois. Gegen 1225versah man die cylindrischen Hauptpfeiler der Kirchenschiffe mit angelehnten Säulen,welche dazu dienten, die Projektionen der verschiedenen Bogen- und Rippenansätze derGewölbe aufzunehmen, ohne daß es nötig wurde, die Deckplatte des Kapitells unnütz zuverbreitern. Die ersten Joche des Schiffes der Kathedrale von Paris bieten eins derfrühesten Beispiele dieser Art Kapitelle, jedoch mit Unterbrechungen für die Dienste. Eineinheitliches Pfeilerkapitell zeigt sich erst in der Kathedrale von Reims . An den Basen