278 Glasindustrie.
wollte, die von so brillanten Erfolgen begleitete Technik der Glasmalerei jener Zeit auchnur annähernd zu erreichen.
Wenn wir die eigentliche Glasmalerei als Kunstzweig ins Auge fassen, so findenwir die Wiege derselben in den Bergen unseres Vaterlandes, und zwar war esdie Benediktiner-Abtei Tegernsee , wo diese edle Kunst nicht nur liebevolle Pflege,sondern auch in Bezug auf ihre technische und künstlerische Vervollkommnung dieersprießlichste Förderung fand. Das Kloster Tegernsee genoß schon im 10. Jahr-hundert den ehrenvollen Ruhm, eine Pflegestätte der Kunst und Wissenschaft zu sein,namentlich war es der hochgebildete Abt Gozbert (982—1001), welcher sich um dieMehrung und Erhöhung dieses Ruhmes besonders verdient machte. Er ist der Stifterder seiner Zeit berühmt gewordenen Bibliothek, und unter seiner Regierung vernehmenwir auch die erste Kunde von der Erfindung des Erzgusses, welcher, laut einer Abhand-lung des gelehrten Mönches Fromund, um jene Zeit in Tegernsee betrieben wurde. AbtGozbert war es auch, welcher daselbst eine Glockengießerei errichtete. Groß mag die Freudedieses ebenso feinsinnigen und gemütreichen als hochgelehrten Abtes gewesen sein, als zumerstenmal die Sonnenstrahlen durch die vom Grasen Arnold von Vohburg für seine Kirchegestifteten Glasfenster fluteten. „Isinporibug vostris tdlioibus auriooiurm sol xrimuiuintuislt basilmas nostras xaviiusnta per äisooioria xioturarum vitra" schrieb er damals anden hochherzigen Spender, und wir können seine Freude begreifen, hat doch dieser märchen-haft liebliche Farbenglanz, den das Sonnenlicht in die hochgewölbten Säulenhallen unsererDome zaubert, schon so oft unser eigenes Gemüt mit andächtigem Wonneschauer erfüllt.
Auch unter Abt Eberhard ll. (gest. 1091) hatten sich Kunst und Wissenschaft imStifte Tegernsee hoher Gunst zu erfreuen. Unter ihm lebte der uns durch unseren un-vergeßlichen Karl Stieler in seinen Hochlandsliedern liebgewordene Mönch Werinher, dernamentlich in der Kunst, Farben in Glas zu schmelzen, wohl erfahren war. Fünf vonihm mit Gemälden gezierte Fenster waren einst der Stolz der Mönche von Tegernsee .Der Ruf des Klosters, das so friedlich zwischen den dunkelgrünen Forsten der Berge ein-gebettet lag, als Pflegestätte der Glasmalerei, verbreitete sich bald weit in die Lande.Schüler wurden aufgenommen, um in dieser Kunst unterwiesen zu werden, und eine Aus-zeichnung ist noch heute erhalten, welche meldet, daß alsbald gemalte Fenster in solchenMengen bestellt wurden, daß das Kloster die Ausführungen nicht bewältigen konnte. In-folgedessen entstand auch schon jenseit des Sees (in der Au) eine eigene Glashütte. Dieprächtigen Fenster, welche wir noch heute im Dome zu Augsburg bewundern, stammenaus dem 11. Jahrhundert, und sicherlich darf der Ursprung derselben nicht anders, alsauf Tegernsee zurückgeführt werden. Im 12. und 13. Jahrhundert hat die Glasmaler-knust bereits ausgedehnte Anwendung gefunden. Die Denkmäler dieser Frühzeit ver-raten noch ihren Ursprung aus den Fenster-Mosaiken. Kleine Scheiben von unregel-mäßigem Zuschnitt sind durch Bleisprossen miteinander verbunden. Jede dieser Scheiben zeigtnur eine Farbe, mit der das Glas in der Masse gefärbt oder — bei dem Rot — nur über-fangen ist; dieMalerei auf ihnen ist, da man die Anwendung farbiger Schmelze für diesenZwecknicht kannte, ausschließlich mit „Schwarzlot" ausgeführt, das aus einem mit gebranntemKupfer (in späterer Zeit Eisenhammerschlag) versetzten, leichtflüssigen Bleiglas bestand.
Wie im 12. Jahrhundert die Glasmaler verfuhren, hat uns Theophilus in seiner„vivörsarum artluiu Lcbsüula" beschrieben. Über der in kräftigen Ümrissen auf einerHolztafel entworfenen Zeichnung Paßte der Künstler die den Lokalfarben entsprechendausgewählten Scheiben den einzelnen Farbflächen an, pauste die Umrisse durch und schnittdenselben gemäß die Scheiben mit einem heißen Eisen*) zu. Auf jeder einzelnen der zu-geschnittenen Scheiben wurde sodann mit dem Schwarzlot der genauere Umriß der Zeich-nung, den der Ausschnitt der Scheibe nur ganz aus dem Groben hatte andeuten können,nachgezogen und die innere Zeichnung, die Züge eines Gesichtes, die Finger einer Hand,die Falten eines Gewandes eingetragen. Nachdem das Schwarzlot in einem besonderenBrennofen aufgeschmolzen worden, fügte man endlich die kleinen Scheiben durch bleierne
*) Der Diamant kam als Glasschneider erst im 16. Jahrhundert in Gebrauch.