474 Chemische Industrie: Alkalien und Säuren.
schließen und entwickelt in einhnndertstel Sekunde über 200 000 Meterkilogramm, d. h.vermag 200 000 1 m hoch zu heben. 1 lrx Dynamit, welches nur einen Würfel von
90 nun Seite einnimmt, entwickelt in einfünfzigtausendstel Sekunde etwa 1 Million ÜFArbeitsleistung.
Wollte man durch Federn die Arbeit z. B. aufstapeln, welche 1 Pulver in ein-Hundertstel Sekunde zur Verfügung stellt, so müßten 10 Männer fast eine Stunde langin voller Thätigkeit sein. Um jedoch in dem verschwindend kleinen Zeitteilchen, inwelchem 11vA Dynamit detoniert, in einer fünfzigtausendstel Sekunde also, dieselbe Leistungzu geben, wären gegen 2000 Millionen Menschen oder gegen 300 Millionen Pferde-kräfte erforderlich. Beim Atmen des Menschen verbrennt 1 Kohlenstoff zu Kohlen-
säure erst in etwa 50 Stunden. Bei der Atmung oder beim Verbrennen von 1 stgKohle in einem Ofen werden, ebenso wie bei der Explosion von 3 Dynamit, etwaachttausend Wärmeeinheiten, entsprechend einer Leistung von 3 Millionen Meterkilogramm,entwickelt; nur geschieht dies beim Dynamit in einem so kleinen Zeitraume, daß außer-ordentlich hohe Temperaturen entstehen, welche das Volumen der Gase und damit dieSpannung ungeheuer vermehren. Während 5 üx Pulver auf einer 19 inin starkenEisenplatte entzündet, verpuffen, ohne dieselbe zu biegen, schlägt ffz Dynamit eineEisenplatte von 26 nun vollkommen durch, womit eine Pressung von über 10 000 At-mosphären verbunden ist.
Zur Zeit ist das Erfinden neuer Sprengstoffe, die sich an die hier beschriebenenanschließen, mit welchen ernstlich zu rechnen wäre, ein wenig in den Hintergrund getreten.Es mag das daran liegen, daß die jetzt bereits bekannten und bewährten noch in vielerBeziehung hinsichtlich ihrer Herstellung und Brauchbarkeit gar nicht genügend ausgearbeitetund durchforscht sind. Dazu kommt als zweites Wichtiges, daß die Brauchbarkeit einesSprengstoffes weniger das Ergebnis einer chemischen Untersuchung ist — die Chemie läßtnoch eine unermeßliche Zahl solcher denkbar erscheinen, wie wir gleich sehen werden — alsvielmehr von einem glücklichen Zusammentreffen rein technischer Kunstgriffe abhängt.Wir brauchen dabei nur an die technisch so leicht ausführbare Umwandlung der Schießebaumwolle in rauchloses Pulver mit Hilfe von Lösungsmitteln oder an ihre Gelatinierungmit Nitroglycerin zu denken.
Wenn wir jetzt all das, was wir über Sprengstoffe vom griechischen Feuer an biszum rauchlosen Pulver erfahren haben, an unserem Geiste vorüberziehen lassen, so mußuns eines besonders auffallen. Die Kraft aller dieser Mittel entstammt dem Salpeter.Entweder steckt er direkt in ihnen wie im alten Pulver, oder ein Teil seines Molekülsist in andere Körper wie Cellulose, Glycerin und sonstiges übergeführt worden und be-wirkt nun die Brauchbarkeit dieser so erhaltenen Stoffe für den vorliegenden Zweck. Undin der That ist es so, alle Versuche, den Salpeter oder die Nitrogruppe für Explosivns-stoffe durch etwas anderes oder gar etwas besseres ersetzen zu wollen, sind trotz allerdarauf verwandten Mühe bis heute für Kriegszwecke wenigstens völlig resultatlos verlaufen.
Wir haben in diesem Buche bereits ein Salz kennen gelernt, welches dem Salpeterin chemischer Beziehung sehr ähnlich zusammengesetzt ist, das ist das chlorsaure Kali.Ein Blick auf die Formeln beider führt uns das sogleich vor Augen.
X 0,, X OltZL
Salpeter Chlorsaures Kali.
Wir sehen, im chlorsauren Kali ist Chlor 61 an die Stelle des Stickstoffs idi imSalpeter getreten, während die sonstigen Bestandteile beider Salze 3 Sauerstoffatomeund ein Kaliumatom (ZL sind.
Dieses Salz wurde von Berthollet Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt, und indemer seine Ähnlichkeit mit dem Salpeter erkannte, schlug er es als Ersatz für diesen vor.Die französische Regierung ließ denn auch in einem ihrer Staatsbetriebe ein Pulver her-stellen, in das an Stelle des Salpeters chlorsaures Kali gegeben wurde. Vormittag beganndie Fabrikation und nachmittags waren bereits einige Arbeiter und eine zufällig zuschauendeDame tot, indem sie bei der unbeabsichtigten Explosion des Gemisches ums Leben kamen. Zueinem brauchbaren Sprengmittcl gehört nämlich nicht nur eine starke Explosionsfähigkeit,