Die Kerzenfabrikation: Stearin und Paraffin. 55Z
Es sind dazu 15°/g an reinem Kalk nötig. Die hierbei aus dem Fette entstehende Seife, derfettsaure Kalk, ist in Wasser völlig unlöslich, und man kann daher nach beendeter Ver-weisung das Wasser, welches das Glycerin des Fettes gelöst enthält, ablaufen lassen. Derfettsaure Kalk wird hierauf für sich in reinem Wasser aufgeschwemmt, das Wasser durchDampf ins Kochen gebracht und die zur Zersetzung der Kalkverbindung nötige MengeSchwefelsäure, etwa 27 Teile auf 15 Teile Kalk, zugesetzt. Die abgeschiedenen Fett-säuren schwimmen dann im geschmolzenen Zustande nach Art eines Öles, das sich in seinemAnsehen in nichts von geschmolzenem Fett unterscheidet, auf der siedenden Flüssigkeit,während sich anderseits schwefelsaurer Kalk, also Gips bildet, und die Fettsäuren werdenhierauf so lange mit erneuertem heißen Wasser durchgewaschen, bis dies schließlich nichtmehr sauer reagiert, sie somit frei von Schwefelsäure sind. Die erhaltene Fettsäuremengebeträgt 92 — 95°/o vom Fett.
Das gewonnene Fettsäuregemisch besteht also aus den beiden festen Säuren, derStearin- und der Palmitinsäure, und der flüssigen Ölsäure. Man läßt es in flachenSchalen langsam in warmen Stuben erkalten, so daß sich die festen Säuren in ziemlichgroßen Krystallen abscheiden, während die Ölsäure eine flüssige Mutterlauge bildet.Bringt man das halbwegs erstarrte Gemisch sodann unter starke hydraulische Pressen,wie wir sie beim Auspressen der Ölsaaten (s. Seite 542) kennen gelernt haben, undPreßt erst kalt und dann warm, so läuft die flüssige Ölsäure ab, während ein harterKuchen von Stearin- und Palmitinsäure hinterbleibt.
Den größten Fortschritt auf dem Gebiete der Kalkverseifung hat dann d e Milly 1831erzielt. Er zeigte, daß es möglich ist, Fette mit weit weniger Kalk zu verseifen, wenn mansich zum Kochen geschlossener Gefäße statt offener bedient. So genügen bei 10 AtmosphärenÜberdruck 2—3 0/0 Kalk. Die Ersparnis an diesem billigen Material würde nicht vielzu bedeuten haben, wenn nicht auch gleichzeitig der Verbrauch an Schwefelsäure zumnachherigen Abscheiden des Kalkes auf ein Minimum herabgedrückt und die ganze Ver-arbeitung dadurch erleichtert würde. Weit übertroffen wird aber trotz dieses seiner Zeitepochemachenden Fortschritts die Kalkverseifung durch die später aufgekommene Schwefel-säureverseifung. Zwar lieferte sie, um es vorweg zu nehmen, die Fettsäuren in sehrdunklem Zustande. Da aber alle nach diesem Verfahren gewonnenen Fettsäuren hernachdestilliert werden, worauf sie völlig weiß sind, so kann man zur Verarbeitung auf Stearin-kerzen nach dieser Methode, im Gegensatz zur Kalkverseifung, die nur guten und deshalbteuren Talg zu benutzen gestattet, alle möglichen Abfallfette, die stark verunreinigt seinkönnen, wie Knochenfett, ebenso gut aber Palmöl, Kokosnußöl u. s. w. für die Stearin-kerzenfabrikation verwenden, also von sehr billigen Fetten und Ölen ausgehen, was dieStearinkerzen außerordentlich verbilligen mußte.
In geschlossenen Gefäßen mit Doppelwänden rührt man die zu verseifenden Fette oderÖle mit durchschnittlich 9°/g Schwefelsäure durcheinander, während zwischen die Doppel-wände Dampf geleitet wird, der die Mischung auf etwa 110° erhitzt. Die sich ent-wickelnden sehr übelriechenden Gase werden durch Einleiten in eine Feuerung verbrannt.Ist nach 12 — 18 Stunden die Zersetzung beendet, so werden die dunklen Fettsäuren, umsie von dem abgespaltenen Glycerin nebst der Schwefelsäure zu trennen, mit Wasser ge-waschen. Sie kommen alsdann in Destillierapparate, und ein Strom Wasserdampf wirddurch sie während der Destillation geleitet, welcher ihr Übertreiben beschleunigt. ZuAnfang der Destillation kommen Destillate, die aus reiner Stearinsäure und Palmitin-säure bestehen und zu so harten Kuchen erstarren, daß man sie direkt auf Kerzen ver-arbeiten kann. Die später kommenden, an Ölsäure reicheren Partien werden von diesererst durch Auspressen befreit, bevor auch sie zu Kerzen verarbeitet werden können. DieSchwefelsäureverseifung verdrängt die Kalkverseifung aus den Stearinkerzenfabrikenimmer mehr.
Ein weiteres sehr wichtiges Material für die Kerzenfabrikation ist das Paraffin.Der Entdecker desselben ist Reichenbach, der es 1830 im Holzteer auffand. DasParaffin ist, wie wir heute wissen, ein Gemisch hochsiedender Kohlenwasserstoffe. SeinenNamen gab er ihm, weil es sich gegenüber den verschiedensten Reagenzien sehr wider-
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