Das Chloral. Sulfonal. Lustgas. Äther. 627
der damalige berühmte Professor der Chirurgie zu Berlin Dieffenbach schreiben konnte:„Der schöne Traum, daß der Schmerz von uns genommen, ist zur Wirklichkeit geworden.Der Schmerz, dies höchste Bewußtsein unserer irdischen Existenz, hat sich beugen müssenvor der Macht des menschlichen Geistes, vor der Macht des Ätherdunstes."
Zu Ende vorigen Jahrhunderts war von Priestley ein Gas, das aus Stickstoff undwenig Sauerstoff besteht, entdeckt worden, das den Namen Stickoxydulgas führt. Davy(st S. 306) experimentierte hernach mit ihm, welches man einfach durch Erhitzen vonsalpetersaurem Ammoniak (s. S. 537) in einer Retorte erhält, das dabei in Stickoxydulund Wasser zerfällt,
30,173, --- 3,0 23,0
Salpetersaures Ammoniak — Stickoxydulgas -0 Wasser.
an sich selbst herum, wozu ein nicht geringer Mut gehört, wollte doch ein englischer Arztz. B. in ihm das Prinzip aller ansteckenden Krankheiten erkannt haben u. s. w. Das Gasschläferte ihn für kurze Zeit unter den angenehmsten Empfindungen ein, die er in folgendenins Deutsche übertragenen Versen wiederzugeben sucht:
Kein leerer Traum, kein rasendes Verlangen Doch strahlen sprühend Licht die Augen wider,
Erweckt in mir Gestalten höchster Lust, Doch leises Tönen auf den Lippen schwebt,
Kein sträflich Feuer lodert in der Brust, Doch rieselt inn're Wollust durch die Glieder,
Und doch färbt Purpur meine Wangen. Die eine nie gefühlte Kraft belebt.
Er gab ihm daraufhin den Namen Lachgas oder Lust gas, doch ist es erst vorzwanzig Jahren etwa eine Zeitlang fabrikationsmäßig dargestellt worden, indem es denZahnärzten als Betäubungsmittel für ihre kurzen Operationen dienen sollte. Davy selbsthatte schon seine Verwendung bei chirurgischen Operationen empfohlen, aber die Chirurgieging achtlos hieran vorüber. Der Zahnarzt Horace Wells in Hartford Nordamerikanahm zuerst ernstlich die Sache in die Hand, indem er sich, betäubt vom Gase, einenZahn ziehen ließ, ohne Schmerz dabei zu empfinden. Er wandte sich daraufhin an Warren,den Oberarzt des Massachusettshospitals zu Boston , der auch einen Versuch mit einergrößeren chirurgischen Operation an einem Kranken anstellte, doch mißglückte die Sachewohl infolge Unerfahrenheit aller Beteiligten, und die Studenten zischten Wells aus.
Vermochte auch das verhältnismäßig neu entdeckte Stickoxydul nicht zu bieten, wasman von ihm erwartet hatte, jene Hoffnungen, die es angeregt hatte, erfüllte dann einlange bekannter Körper, dessen wertvolle Eigenschaften in dieser Beziehung 300 Jahreunerkannt geblieben waren. Dieser Körper ist der Äther. Valentinns Cordus, Pro-fessor der Arzneimittellehre zu Wittenberg , hatte ihn um 1530 zuerst aus dem Alkoholgewonnen. Er wird heute in den größten Mengen hergestellt, und seine Fabrikation istfolgende:
Man stellt ein Gemenge von 9 Teilen konzentrierter Schwefelsäure mit 5 TeilenSpiritus von 90 "st her und destilliert es, indem man durch Beobachtung des imDestillationsapparat angebrachten Thermometers dafür sorgt, daß die Temperatur zwischen130° und 140" beträgt. Unterhalb dieser geht viel Alkohol mit über, oberhalb derselbentritt Zersetzung des Alkohols nach anderen Richtungen ein. Die Schwefelsäure wirkt beidieser Temperatur dagegen kurzweg wasserentziehend auf zwei Moleküle Alkohol, die unterAustritt von einem Molekül Wasser Äther bilden.
0,3,011 — 0,3,^"
2 Moleküle Alkohol liefern 1 Molekül Äther.
Die Summenformel des Äthers ist also Ost ksto 0. Die vollkommene Aufklärungdieses für uns, nachdem wir die Erklärung kennen, so einfachen Vorganges, der sich nichtdirekt, sondern unter Verlauf von Zwischenreaktioneu abspielt, erfolgte 1851 durchWilliamson. Sie bedeutet einen Wendepunkt für die organische Chemie, in der sie denAbschluß einer sehr großen Anzahl höchst geistreicher Arbeiten repräsentiert und zugleichein sicherer Stützpunkt für die Folgezeit wird.
Weil bei der Darstellung des Äthers Schwefelsäure zur Verwendung gelangt, glaubteman in alten Zeiten, er wäre schwefelhaltig, und gab ihm den Namen Schwefeläther ,
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