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Memorabilia Tigurina oder Chronik der Denkwürdigkeiten des Kantons Zürich 1840 bis 1850 / von Friedrich Vogel
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bewaffneter Haufe wurde alsbald ausgeschickt, das Raubnest zu zerstören, welcher Schaar eS auchgelang, die arglistigen Wirthsleute gesanglich einzuziehen. Im Keller fanden sich die mannigfach-sten, im Laufe der Zeit geraubten Gegenstände, aber leider auch die eingescharrten Leichen ihrerBesitzer. Das Haus wurde dem Boden gleichgemacht, allein die Erinnerung an die Unthat lebt bisheutigen TageS im Volke fort, und die Geschichte von der bösen Spinne verkürzt in Grafstall denspinnenden Weibern und Mädchen manchen langen Winterabend.

Die Blutbuche am Zrchel.

Am Himmelfahrtstage Christi wandern, zwar nicht mehr so zahlreich wie früher, frohe Schaarenvon Jünglingen und Mädchen aus die Höhe des Stammberges zu der Wunderbuche, deren zarteBlätter an jenem Tage in die rothe Farbe des Blutes sich kleiden, um erst nach dem heil. Pfingst-feste eine schwärzliche Färbung anzunehmen. Manches Zweiglein wird zum Schmucke an Brust undHut gesteckt, heitere Rede und froher Gesang beleben die sonst einsame Gegend, und hie und dasammeln sich aufmerksame Hörer um einen Bejahrten, der die schaurige Mähre vom Entstehen desBaumes zu erzählen weiß.Vor grauen Jahren", so hebt er an,als die Stecker und Wiesen voruns noch öde und wüst lagen, schickte Gott eine furchtbare Hungcrsnoth über diese Gegend. An alleHütten zwei Stunden in der Runde pochte der hohle Hungertod, und wer ihm widerstand, erlag inKurzem der gräßlichen Seuche, welche, von den unnatürlichen Nahrungsmitteln erzeugt, die Menschensinnlos zu Boden streckte. An dieser Stelle nun lebten drei verwaiste Brüder von der dürftigenMilch einer armen Ziege. Ihre Eltern waren ein Opfer der Hungerpest geworden, als sie nachNahrung ins Thal herniedergestiegen, aber die Knaben hielten in treuer Bruderliebe in Noth undTod an einander fest. Da kam der schreckliche Winter, tiefer Schnee bedeckte die Flur, und ach,ihre Ernährerin verendete. Rohe Wurzeln frisieren von nun an das Dasein der Armen, bis die Früh-lingssonne ihre Hoffnung von neuem belebte. Als sie einst halb verschmachtet bei einem Baumesaßen, sprang ein Mäuschen unter den Wurzeln hervor, das, welches Glück, einer von ihnen erhäschte.Da entstand ein edler Streit, jeder wollte dem andern den kleinen Bissen aufdringen, bis sie sichverständigten, der Jüngste solle das Blut auSsaugen, die Aeltern sich in das Fleisch des Thierchenstheilen. Aber kaum hatte der Ausgehungerte sich angeschickt, das warme Blut zu genießen, als ihmdaS Mäuschen in den Hals hinunterglitschte und er todt dahinstürzte, um seinen Brüdern nunzur grausigen Speise zu dienen. An der Stelle, wo diese von den gräßlichsten Qualen des Hungersgebotene, unnatürliche That geschah, sproßte eine junge Buche, deren Blätter von dem rinnendenBlute bespritzt wurden, und als nach wenigen Tagen die Unglücklichen, gefoltert von heißer Reue,Arm in Arm den Geist aufgaben, wurden sie von Jägern, denen der letzte der Bruder sterbend dieGeschichte vertraut hatte, auf der Jammerstätte begraben. In Jahresfrist schössen zwei andere kleineBuchen auf, welche, gleich der Zeugin ihres Elendes, jedesmal am Auffahrtstage blutroth sich färbten.Noch standen bei Mannesgedenken diese drei Bäume, ein Wunder der Gegend, aber umsonst suchteman sie zu verbreiten, nur auf der von Bruderblut gedüngten Erde konnten sie gedeihen, ja zweivon ihnen verdorrten wie aus Trauer, daß man freventlich an sie die Hand zu legen gewagt."