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Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Sechstes Buch.

einem solchen Wust weltlichen Prunkes wie der Jesuiten -Orden, der, einKind jener Zeit, ihre Gebrechen und Vorzüge in reichstem Maasse theilt.

Es wurde schon angedeutet, dass alle diese Zustände, von denen wireine dürftige Skizze versuchten, im Mutterlande des modernen restaurirtenKatholizismus, in Italien , ihre Höhe erreichen; dass im Norden, besondersaber in Deutschland , manche Verschiedenheiten, selbst Gegensätze sichherausstellen. Hier fechten die grossen Prinzipien der Zeit ihre blutigen,langwierigen Entscheidungskämpfe, in deren Gefolge äussere Rohheit,Mangel an der eleganten formalen Bildung des Südens , aber dafür auchschlichte Tüchtigkeit, kernhafte Gesinnung sichergaben. Inzwischen warunter hochbegünstigenden Verhältnissen der Süden auf künstlerischem Ge-biete so weit vorangeeilt, dass er dem Norden imponirte und ihn in einergewissen Abhängigkeit hinter sich herzog. Wir werden dies Verhältnis«bei der gesonderten Betrachtung jener Länder im Einzelnen darzulegenhaben.

Die Henau - Schon um 14 20 griffen die italienischen Architekten, die den gothi-sanc<' sehen Styl nur äusserlieh aufgenommen und selbst innerhalb seiner Tradi-tionen sich bald dem Rundbogen wieder zugewendet hatten , mit Bewusst-sein zu den antiken Formen zurück, um eine »Wiedergeburt« der Baukunstherbeizuführen. Diese Renaissance ging von einem sorgfältigen Stu-dium der antiken Uebcrreste aus. Trotz der Rücksichtslosigkeit, mit wel-cher das baulustige Rom seit einem Jahrtausend die Prachtwerke der antikenZeit als Steinbrüche behandelt und ihrer kostbaren Säulen beraubt hatte,war damals noch ein ansehnlicher Rest grossartiger Bauanlagen vorhanden.Das ganze Mittelalter hindurch war man hier äusserlieh und innerlich andie antike Tradition gebunden gewesen, ja in dem hochgebildeten Toskana fanden wir im 12. und 13. Jahrhundert eine freie Nachahmung antikerFormen, welche Musterwerke wie S. Miniato hervorbrachte. ,,Die Renais-sance hatte, wie Burckhardt sagt, ,,schon lange gleichsam vor der Thürgewartet. Was sie indess aus der Betrachtung der altrömischen Monu-mente gewinnen konnte, war nur ein formales Element, ein Kanon bestimm-ter Gliederungen und Details : die Gesammtanlage, die Vertheilung derMassen und Räume war ihr eignes Verdienst. Jene Formen waren an denantik-römischen Gebäuden bereits abgeleitete, die sich nicht ohne eineTrübung ihres ursprünglichen Wesens anderen Zwecken anbequemt hatten.Die Renaissance schöpfte in dieser Hinsicht also aus zweiter Hand undverfuhr im Anfänge um so willkürlicher, als man noch nicht die Werke derbesseren und der entarteten Zeit zu unterscheiden gelernt hatte. Dennochhätten die modernen Baumeister eben so wenig wie die altrömischen diefeinen, auf geringe Dimensionen berechneten rein griechischen Formen ver-wenden können : ihre Architektur war wie die der alten Römer auf Glie-derung bedeutender Massen gerichtet , forderte daher eine ähnliche Umge-staltung der griechischen Details. Sie theilt folglich in ihren besserenWerken die Vorzüge und die Mängel der antik-römischen Bauten. Einentiefen, lebensvollen Organismus würde man hier vergeblich suchen ; dieFormen sind mehr in dekorativem Sinne dem Baukörper aufgeheftet, ihmin mannichfaclier, möglichst geschickter Weise angepasst. Aber so weit inorganischer Hinsicht die Renaissance hinter der gothischen Architekturder guten Zeit zurückbleibt, so hoch übertrifft sie dieselbe in praktischer