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1 (1859) Geschichte der orientalischen und antiken Baukunst / von Franz Kugler
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I. Das alte Aegypten.

tung. Der Mil sandte ihr bei steigender Flut einen grossen Theilseiner Wassermasse zu, welche dort von einem ausgedehnten Seeaufgenommen ward. Der See, welcher den Namen des Möris-s e e s führte , bildete liienach ein kolossales Wasserreservoir fürdie Zeit der niedrigen Nilflut; umfassende Kanal-, Deich- undSchleusenbauten dienten dazu, den Zu- und Abfluss des Wasserszu beherrschen. Das Fayum selbst, überall von Kanälen durch-rieselt, war durch diese Anlagen das fruchtbarste der ägyptischenLänder, der Garten Aegyptens geworden. Die Alten scheinenverschiedener Ansicht darüber, ob jener See ein natürlicher oderein künstlich gegrabener war. Ilerodot (II, 101 u. 149) ist derletzteren Ansicht; er nennt einen König Möris, der den Seehabe graben und in ihm zwei Pyramiden, jede 50 Klafter überdem Wasser emporragend und auf jeder das sitzende Bild einesKolosses, errichten lassen. Man ist auch gegenwärtig verschie-dener Ansicht über den See und seine ursprüngliche Lage, undebenso über die Person des Möris und die von ihm errichtetenPyramiden. 1 Einerseits wird der, allerdings tief liegende Seeauf der Nordwestseite des Fayum , der den Namen Birket elKe rün (B. el Korn) führt, für den alten Mörissee genommen;andrerseits haben die Reste kolossaler Deichbauten dahin geführt,eine höhere Lage für sein ehemaliges Bett, welches durch siegebildet gewesen sei, vorauszusetzen. Die Möris-Pyramiden hatman in den noch vorhandenen Resten pyramidaler Unterbautenbei Biahmu 2 , auf deren einem in der That noch im siebzehntenJahrhundert n. Chr. der Sturz einer sitzenden Kolossalfigur be-findlich war, 4 erkennen wollen; was aber auch nicht ohne Wider-spruch geblieben ist. In Betreff der Person des Möris selbst istauf verschiedene der in den ägyptischen Jahrbüchern genanntenKönige und namentlich auf Amenemhe III. gerathen worden,auf diesen mit Bezug auf sein Grabdenkmal unfern des Eingangesin das Fayum und auf jene Maasse der Nilschwellen bei Semneh inNubien . In derThat scheint sich hieraus ein derLanschaft des Fayum besonders zugeneigter Sinn, sowie eine tliätige und, bei der weitenEntfernung des oberen Nubiens, höchst umfassende Berücksich-tigung der Nilflut zu ergeben; auch darf hienach mit Zuversichtangenommen werden, dass jene wunderwürdigen Einrichtungen zurBodenkultur, welche die griechische Ueberlieferung dem Möriszuschrieb und welche sich der Natur der Sache nach nicht aufdas Fayum allein einschränken konnten, sondern nothwendig nochmit andern umfassenden Anlagen zur Beherrschung des Niles in

1 Vergl. hierüber besonders: Bimsen, Aegyptens Stelle in der Weltgeschichte,II, S. VI, f. und S. 209, ff. Lepsius, Briefe, S. 77, ff. und dessen Chronologie,I, S. 262, ff. Linant , Memoire sur le lac Moeris, Alexandrie , 1840. 2 Lep-sius, _ Denkmäler, Abth. I, T. 51. a Vansleb, Nouvelle relation dun voyageen Egypte en 1672 u. 1673, p. 260.