Epoche der zwölften Dynastie.
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Der Ursprung dieser Säulen form ergicbt sich einfach aus denconstructiven Elementen. Es ist der viereckige Pfeiler mit seinerDeckplatte (wie er in den älteren, memphitischen Gräbern er-scheint), der hier, durch Abschrägung der Ecken, zunächst eineachtseitige, dann eine sechzehnseitige Gestalt gewinnt. Das schlichtnatürliche Wohlgefallen an einem reicheren Linien- und Fläclien-verhältniss musste ebenso dahin führen, wie selbst schon die grös-sere Bequemlichkeit, welche der abgekantete Pfeiler dem Durch-gehenden gewährte. Aber die Anwendung der Kanellirung undder Verjüngung auf den sechzehnflächigen Säulenschaft bezeugtzugleich ein lebhaft erwachtes ästhetisches Gefühl, welches derstarren structiven Form ein künstlerisch athmendes Leben einzu-hauchen beginnt. Es kommt das glückliche Verliältniss der Säu-len hinzu, das, bei einer Höhe von durchgehend ungefähr fünfunteren Durchmessern, den besten Mustern der griechisch-dorischenSäule entspricht. Wir glauben hier, wo es uns bereits wie derklare Adel der griechischen Kunst entgegen tritt, schon fast ander Schwelle des Griechenthumes zu stehen; auch hat man dieseSäulen in der That, ganz bezeichnend, als „protodorisclie“ be-nannt. Selbst die Andeutung des äusseren Gebälkes, — so ent-schieden^ sie die Nachahmung des in Holz ausgeführten Bediirf-nissbaues festhält, 1 erinnert an griechische Gefühlsweise. Es isthinzuzufügen, dass diese Beispiele keineswegs in der ägyptischenKunst vereinzelt dastehen, dass, wie an jenen achteckigen Säulenzu Theben aus der Zeit Sesurtesens I., so an andern Denkmälernaus nachfolgender Zeit dieselbe künstlerische Behandlungsweisemehrfach wiederkehrt. Wir werden im Folgenden selbst Beispielenbegegnen, welche eine durchgebildetere Entwickelung des Kapi-täls zeigen und darin eine noch weitere Vorbereitung der grie-chisch-dorischen Form enthalten. *
Die zw_eite Säulengattung findet sich in den Hallenverschiedener andrer Gräber, deren Decken eine gebrochene Fläche,den Unterfeldern einer schrägen Bedachung etwa vergleichbar,bilden. Die Säulen sind hier, ganz absehend von dem, was alsdas natürliche structive Bedingniss erscheint, in entschiedenerNachahmung der Plianzenform gebildet. Vier Pflanzenschäftefügen sich der Art zusammen, dass sie im Horizontaldurchschnittdie Form von vier zusammenhängenden Dreiviertelkreisen haben.Obe rwärts gehen sie in die bauchige, weich geschwungene Form
1 Vergl. z. B. die Schilderung der Residenz zu Soriba, in der Nähe desblauen Flusses, bei Lepsius, Briefe, S. 181, f.: „Als wir in Soriba anlangten,traten wir durch ein besonderes Thorbans in den grossen viereckigen Hof, derum das Hauptgebäude heriunläuft, und dann in eine offene, hohe Halle, derenDach auf vier Pfeilern und vier llalbpfeilern ruhte. Die schmalen Deckenbal-ken ragen über den einfachen Aroliitrav mehrere Fuss hervor und bilden dieunmittelbare Unterlage des flachen Daches; der ganze Eingang erinnerte sehran di& offenen Fa<jadeii der Gräber von Benihassan.“