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X. Der Islam etc.
Vcrmuthung ist nicht ganz unstatthaft, dass diese Reminiscenzauf die nächst frühere bauliche Entwickelung jener mittelasiati-schen Lande, somit etwa auf das Eigenthümliehe der unterge-gangenen abbassidischen Monumente (bei denen eine energischeGesainmtfassung schon aus andern Gründen vorauszusetzen war),zurückdeutet; sie empfängt insofern noch ein weiteres Gewicht,als die Gestaltung des armenischen Dachwerkes, insbesonderedie Form der sonst unorientalischen Kuppelpyramide, bei dennächst jüngeren Bauten des Islam in den benachbarten (na-mentlich west Lichen) Landen mit Entschiedenheit wiederkehrt,was auf eine tiefer begründete Gemeinsamkeit des architektoni-schen Gefühles, als solche dem Anscheine nach lediglich durchdas religiös abgesonderte armenische Volk vermittelt werdenkonnte, scliliessen lässt. — Dagegen hat die anderweitige Aus-stattung, namentlich die Form der Wandarkaden des Aeusseren,das Gepräge einer mehr eigenthiimlichen Zuthat. Die Anord-nung derartiger Arkaden mag allerdings ebenfalls als eine Remi-niscenz, aus dem Gesammtmaterial älterer Kunststyle, zu betrach-ten sein ; die spielende Behandlung, die Bildung der Detailformendeutet auf eine lokale Geschmacksrichtung und zwar ziemlichbestimmt auf eine solche, die aus der ursprünglichen Sitte desHolzbaues und des dabei natürlichen Schnitzwesens hervoro-emm-gen war. Diese Arkadenbehandlung erinnert an Aehnliches inder indischen Kunst, und die Detailformen (wie die Kapitale undBasen) stehen zum Theil den dortigen völlig parallel, währendin diesem Falle doch ein gegenseitiger Einfluss nicht angenom-men , vielmehr nur auf gleichartige Ursprünge geschlossen wer-den kann. Die ganze äussere Ausstattung ist vorzugsweise nurDekoration, hierin dem allgemeinen Sinne des Orientalismus ent-sprechend und daher auch geeignet, anderweit übliche orientalischeDekorationsformen in sich aufzunehmen. — Wenn imUebrigen dieäussere Erscheinung der armenischen Monumente eine für denersten Anblick fast überraschende Aehnliclikeit mit gewissen,zumeist jüngeren südeuropäischen Gebäuden aus der Epoche des'romanischen Baustyls hat, so kann diese (auch bei einzeln vor-kommenden Besonderheiten des Inneren) lediglich nur als einezufällige betrachtet werden, da die Aehnliclikeit doch über denallgemeinen Schein nicht hinausgeht und gegenseitige, selbstvermittelte Einflüsse von irgend wirksamer Art schwerlich nach-zuweisen sein werden.
Bedeckungen der Gewölbe durch Giebeldächer (von gewöhnlichen Thonziegeln)vor, welche im Einzelnen einigermnassen ähnliche Erscheinungen zur Folgehaben. Indess werden hiedurch die Grundziige des Systems doch kaum ver-ändert, während die armenische Form jedenfalls eine princ.ipicllo Verschieden-heit bezeugt und dabei so gewichtig erscheint, dass, wäre sie in Armenien selbständig entstanden, zugleich eine mit ihr in näherem Weehselverhältnissestehende Ausgestaltung des architektonischen Ganzen vorauszusetzen wäre.