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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
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17
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Einleitung.

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Streben hineingezogen, mühte man sich, auch seinen Theilen denAusdruck einer rastlos aufwärts drängenden Bewegung zu gehen,auch ihn zur Wundererscheinung umzugestalten, durch den nochreicheren Wechsel seiner Formen, der in den structiven Elemen-ten gegeben w'ar, durch ihre noch kunstvollere Durchbildungdie \\ irkung des Innern selbst zu überbieten. Die Mittel konn-ten hier, da die Massen als solche ihr Hecht behalten mussten,allerdings nur dem mehr untergeordneten Elemente des Dekorativenentnommen werden; aber das künstlerische Gefühl hatte sichdurch die Behandlung des Inneren schon genugsam für das Or-ganische und dessen tiefer ästhetischen Gehalt geschärft, um derDekoration auch an dessen Bedingnissen Antheil geben, um siewiederum im Scheine des selbständig Belebten sich entwickelnlassen zu können.

Die Strebepfeiler der Seitenschiffe hatten eine dreifachgewichtige Masse empfangen, dem Seiten druck ihrer Gewölbe zubegegnen, die thurmartige Erhöhung zu tragen, welche die demMittelschiffgewölbe entgegengespannten Strebebögen aufnehmensollte, dem Seitendruck dieser und dem mit ihnen hinabgeführ-ten Druck der Mittelschiffgewölbe zu trotzen. Die Masse em-pfing durch Theile, welche über den Ansatz des Strebebogensemporstiegen, eine noch stärkere Belastung; diese gestalteten sichnaturgemäss als selbständig gespitzte Thiirmchen, und die werk-thätige Hand säumte nicht, ihnen den Anschein eines eignenkleinen Bauwerkes zu geben. Die Handwerkssprache benenntdiese Pfeilerthürmchen (die sich wiederum an andern Stellenvielfach wiederholten) alsFialen. Unterwärts war die Strebe-pfeilermasse, wie schon angedeutet, je nach der Bedeutung ihrerLastfunctionen, in Absätze getheilt; der Vorsprung des Absatzeserwies sich als geeignet, einen andren kleinen Schmuckbau auf-zunehmen, ein gethürintes Bildtabernakel, dessen Erscheinungmit der der Fiale in Einklang stand. Beide drückten ein leich-tes Aufsteigen aus, welches der Masse das Gepräge unbedingterSchwere schon zu entnehmen begann. Leichterer Nischenschmuck,im Relief ausgeführt, aber in den bewegten Gliederformen be-handelt, wie diese sich im Innenbau oder in der Fensterarchitek-tur entwickelt hatten, gab anderw T eit der Masse eine spielendeBewegung. Der Strebebogen, oberwärts mit schräger Ab-dachung versehen, empfing an seiner Unterfläche eine Gliederung,welche der der Bögen des Innenbaues entsprach; zwischen Bogenund Dach ward seine Masse dann wohl von Rosetten oder an-derm Maasswerkschmuck durchbrochen, der ihn leichter machteund wiederum bewegte Formen zur Erscheinung brachte, ohnedoch seine innere Spannung zu beeinträchtigen. Ueber den ren-sterpfeilern des Mittelschiffes, also über dem oberen Ansatz derStrebebögen, steigen andre Fialen empor, verbunden durch eine

Kugler, Geschichte der Baukunst. III. 3