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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
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Xlt. Die Architektur des gothischen Styles.

werden, dass diess System auf jene Wunderwirkung bemessenist, dass die letztere der gewaltsamen Erregung des Gemütheskeine Befriedigung folgen lässt und dass, wenn das Auge ver-gebens nach den Gründen dieser Erscheinung forscht, zuletztdoch ein schwindelndes oder beklemmendes Gefühl zurückbleibt.Auch veranlasst die fast übermächtig treibende Bewegung imOrganismus der Innentheile einige rhythmische Uebelstände. Beiden kurzen Jochfeldern müssen die Rippen eine tiefe Senkungannehmen, welche die klare Wirkung der Gewölbfolge beein-trächtigt ; bei den noch schmäleren Feldern des (Jhorschlussesentstehen hiedurch hässliche Schneidungen der Linien. Beidiesen ist es zugleich (was mit dem oben in Betreff des Chor-schlusses Gesagten näher zusammenhängt) ein auffälliger Uebel-stand, dass ihre Scheidbögen, um die Höhe der übrigen zu ge-winnen, scharf überhöht gebildet werden müssen, im steilerenSpitzbogen oder (alsgestelzte Bögen) mit hochsenkrechteuAnläufen. Dann bleibt, wie bewunderungswürdig die organi-sche Gliederung des Inneren ist, noch ein Punkt von gewichtigerBedeutung übrig, der das Gepräge unorganischer Härte hat. Esist der Ansatz der Gurt- und Bogengliederung über dem Kapitälder Dienste; ihre eigenthümliche Form tritt unvermittelt, unvor-bereitet, ohne ein Organ, das ihren Ursprung in sich schlösse,ein; das Kapitäl, vielmehr ein Abschluss der Dienste als einewirkliche Verbindung dieser mit jenen, hat nicht die Bedeutungeines solchen Organs. Die spätere Gotliik hat diesen Missstandsehr deutlich empfunden und verschiedenartige Abhülfe versucht,insgemein mit völliger Beseitigung des Kapitäls, wobei dann dieGewölbglieder sich unmittelbar aus den Diensten oder aus derPfeilermasse lösen oder die Dienste ganz und gar nach demProfil jener gebildet werden; aber es war viel weniger eine Lösungdes Mangels als ein Umgehen desselben, oder seine Ersetzungdurch ein grösseres Uebel.

Das Princip des Aeusseren geht in der Hauptsache daraufhinaus: die hier lagernden und strebenden construktiven Massendurch dekorative Umkleidung und Ausbildung künstlerisch zubeleben. Wie reich aber, in wie überschwänglichem Maassediess Princip durchgeführt wurde, so blieb es in seiner Wesen-heit doch eben nur Dekoration ; wie sinnvoll die Construktionan sich war, so blieb ihr Gesetz, trotz alles hinzugefügtenSchmuckes, doch einseitig überwiegend, ohne das Vermögen, sichin eine volle künstlerische Harmonie aufzulösen. Das Aeusserewar, seinen Grundformen nach, ein zerstückeltes Gerüst, dessenEinzeltheile sich zur wirkungsvollen Einheit nicht zusammenzu-fücren vermochten, die mit ihren Vorsprüngen und ihren Bogen-massen zumal bei den grossen Prachtbauten, welche denGipfelpunkt des Systems bezeichnen, sich selbst und denKörper des Baues in stetem Wechsel deckten, nirgend ein festes