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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
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Einleitung.

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Aller Reichthum der gotliischen Dekoration und alle üppigeLust der Spätzeit fand in den kleinen Dekorativ - A rchitek-turen, die in der Epoche des gothischen Systems beliebt waren,die Gelegenheit zur reichsten Entfaltung. Ausserhalb der Kir-chen sind, es Gedäclitnisspfeiler, mit Bildwerk versehen, odereigentliche Bildtabernakel; innerhalb derselben eine Fülle vonzierlichen Tabernakelarchitekturen, welche sich gleichfalls überverehrtem Bildwerk, über den Grabstätten ausgezeichneter Per-sonen, besonders aber über dem Gelass, das das heilige Mess-opfer bewahrte, erhoben, Kanzeln und anderes festes Stein-geräth, die Schranken, die den Chor von dem umgebenden Raumeabschlossen, und vornehmlich der vordere Bau desLettners (Lectorium), der den Chor wiederum zur eindringlicheren Be-zeichnung seiner grossem Heiligkeit von dem vordem, fürdas Volk bestimmten Kirchenraume schied. Wenn bei den imFreien errichteten Werken die allgemeinen Gesetze des Stylesmaassgebend blieben, wie sie sich am Aeussern des kirchlichenGebäudes entwickelt hatten, so trat bei den im bedeckten Raumebefindlichen ein völlig ungebundenes dekoratives Spiel hervor,welches jene Gesetze, in luftigster Aufgipfelung, in phantasti-scher Verbindung der Theile, zum inährchenliaften Gedicht um-gestaltete und hierin unter Umständen allerdings ebenso sehrden höchsten graziösen Reiz zu entwickeln wusste , wie esgelegentlich abermals der Starrheit eines handwerksmässigenSchematismus oder einer baroken Willkür verfiel.

Es ist schliesslich der Verwendung der Formen des gothi-schen Styles auf die Bauten des praktischen Bedürfnis-ses zu gedenken. Diese begleitet die ganze Stufenfolge seinerEntwickelung. Das städtisch ausgebildete Volksleben gab dieserEntwickelung überall die materielle Unterlage; so spiegelt sichjene auch in den Bauten wieder, in denen dasselbe der eignenMacht, dem Gefühle des eignen Werthes, dem eignen persön-lichen Behagen, das künstlerische Siegel aufdrückte. Der Haus-bau, für öffentliche Zwecke und für die des Privatlebens, wusstesich die Formen, welche der geistige Trieb der Zeit hervorge-rufen , mit Geschick und zur eigenthümiieh bedeutungsvollenWirkung anzueignen, in kräftig geschlossener Fensterarchitektur,mit Erkern, Altanen, Gallerieen und Tliürmchen, oft mit festerBogenhalle im Erdgeschoss, in den nordischen Landen mit luf-tiger Aufgipfelung des Giebelbaues. Thore und Thünne statte-ten sich, mehr oder weniger, mit den dekorativen Elementen desStyles aus, die ihnen, im Gegensatz gegen ihr Massengewicht,ein Gepräge fröhlicher Anmuth zu geben geeignet waren; ritter-liche Burgen und feste Schlösser ebenso, ln der Spätepoche