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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
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Die deutschen Nordostlande.

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Fenstern einwärts vortretenden Streben schlanke Granitpfosten,je zwei übereinander, welche durch einen zwischengelegten Binde-stein mit der Fensterwand verbunden werden , und einen andernTräger oberwärts, von dem der Bogen der Fensternische in dieGurte des Gewölbes ausgehen. So sind die starken Strebepfeiler,von denen Meisters Remter aussen umgeben ist, in der Fenster-höhe durchschnitten und durch je zwei leichte Granitschäfte er-setzt, welche, fast zu wagehalsig, die Lasten tragen und dieContinuität des Druckes und Gegendruckes hersteilen. Das ge-sammte Aeussere der Hochmeisterwohnung, wie es vor die übri-gen Gebäudemassen frei vortritt, gewinnt durch alle diese Ein-richtungen einen eigen phantastischen Reiz, der sich durch dieüberaus stattliche Krönung gedoppelte Flachbögen, welchedie Streben verbinden , schmuckreiche Zinnen über diesen undglänzende, von vielfachem Bogen- und Consolenwerk getrageneZinnenerker über den Eckmassen zur stolzen Majestät erhebt. In späteren Jahren folgten nur noch einzelne Ausschmückun-gen, untergeordnete Zuthaten, Herstellung verdorbener Theile.Die Macht des Ordens hatte ihren Gipfel erreicht und sankschnell abwärts. Bald nach der Mitte des 15. Jahrhunderts fieldie Marienburg mit den westpreussischen Landen unter polnischeHerrschaft; iin J. 1772 wurde sie mit diesen dem preussischenStaate vereint. Vielfach vernachlässigt, verfallend, roh für gemeineBedürfnisszwecke verbaut, hatte sie mehr und mehr von ihremGlanze verloren; umfassende Zerstörungen bereiteten sich nament-lich im Anfänge des 19. Jahrhunderts, als gleichzeitig der Sinnfür die monumentale Bedeutung dieser Räume, die Sorge für ihreErhaltung erwachte. Die letzten Jahrzehnte sind für diese Zwecke,für Conservation , Herstellung , Erneuung, mit lebhaftem Eiferthätig gewesen. Vieles, namentlich im Innern des Hochschlosses,ist verloren. Vieles, durch älteres und durch jüngeres Thun , ent-stellt; aber Vieles auch, und jedenfalls die grossartigsten Theile derGesammtanlage, ist erhalten, ein steinernes Abbild eins der wun-dersamsten geschichtlichen Erscheinungen, ein ebenso beredtes,ebenso ergreifendes, wie das gefeierte maurische Königsschloss,das in denselben Jahren auf der Felshöhe über Granada erbautward. 1

Einige städtische Profanbauten sind, als Werke verwandterRichtung, zunächst anzuschliessen: das Rathhaus der StadtMarienburg , 2 dessen (durch üble neue Herstellung entstellte)Facjade, besonders mit ihrer Zinnenkrönung, an die Behandlungder Hochmeisterwohnung auf dem Mittelschlosse von Marienburg erinnert; das Rathhaus der Rechtsstadt von Danzig , einfester, ausnahmsweise aus Haustein aufgeführter Bau, dessen

1 Vergl. Thl. 1, s. 525. 2 Kallenbach, a. a. O.

Kugler, Geschichte der Baukunst. III. ^