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XII. Die Architektur (les gothisclien Styles.
fast übergewaltig drang er herein, als am Schlüsse des 15. Jahr-hunderts das letzte Reich spanisch-maurischer Herrschaft. Granada ,den christlichen Waffen erlegen war, als die letzten blühendstenWerke maurischer Kunst den christlichen Herrschern anheim-fielen, ihre Meister, soweit sie nicht den europäischen Boden ver-liessen, diesen dienstbar wurden. Es bildete sich ein dekorativerGeschmack aus, welcher die Elemente der Gothik, halborienta-lischen Sinnes, in iibermüthig gaukelnder Weise zu stets neuenund neuen Combinationen verwandte, alle Bogenformen — halb-runde, gedrückte, elliptische, spitze, spitzgeschweifte, mannigfachgebrochene — zur Verwendung brachte und in sich oder mitebenso bunt gestalteten Giebeln durcheinanderschlang, wunder-same Gehänge an Stelle des organisch Erwachsenen hervorgehenliess, wundersame Pfianzenmuster mit den architektonischen For-men verband, die Räume mit derartigen Bildungen durchbrachoder reliefartig überdeckte, welcher im Einzelnen eigentümlichArabisches dem Gothisclien einmischte, welcher ebenso, als ausItalien die antiken Formen der Renaissance herübergeführt wur-den, auch diese dein phantastischen Formenspiel einverleibte undmit alledem Werke schuf, die oft freilich in ein abenteuerlichesWirrsal ausgehen, oft aber auch den eigentümlichsten traum-haften Reiz hervorbringen. Die ganze dekorative Arbeit ist nichtselten eine mehr bildnerische als architektonische, und so hathäufig auch das figürliche Bildwerk, welches aus den Dekorationenhervorwächst oder von ihnen umrahmt wird, einen wesentlichenAnteil an ihren Wirkungen. Dieser künstlerische Geschmackwurde nach andern europäischen Ländern hinübergetragen; erhat ohne Zweifel, wenn auch mehr oder weniger in Zwischen-stufen, in grösserer oder geringerer Umschmelzung, einen wesent-liehen Einfluss auf den Gesammtcharakter des dekorativen Ele-mentes in der Ausgangsepoche des gotischen Styles hervor-gebracht.
Das wichtigste Gebäude des 15. Jahrhunderts, das grösstedes christlichen Mittelalters in Spanien , ist die Kathedralevon Sevilla . 1 Der Bau wurde im J. 1403 begonnen, an Stelleder grossen Moschee, die im J. 1250 zur christlichen Kirchegeweiht war, und mit Beibehaltung einiger Theile des Aussen-baues der letzteren. 2 1507 wurde die Kuppel über der mittlerenVierung geschlossen; 1511 stürtzte dieselbe ein; ihre Herstellungwurde jedoch schon 1517 vollendet. Die Kathedrale ist fünf-schiffig, mit gleich hohen Seitenschiffen und Kapellenreihcn nebendiesen, 398 Fuss lang, und 291 F. mit Einschluss der Kapellenbreit. Die ursprüngliche Grundform ist ein reines Parallelogramm;da«s Querschiff'"tritt über-die Seitenmauern nicht hinaus; auch
1 Villa-Amil, II, liv. 8, j>1. 2, 3. Chapuy, moy. äge pltt., 41, 44. Fergusson,handbook of arc.li., II, p. 831. Ponz, viage, IX, p. 2. Denkmäler der Kunst,T. . r ,8 (2). — 2 Vergl. Thl. I, S. 523.