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XII. Die Architektur des gotliischen Styles.
welches einen selbständigen Bau mit hohem, spielend romanischemKrönungsgesimse ausmacht, und durch ein grosses, nicht minderreiches ßosenfenster über demselben ausgezeichnet. — Die Fa-hnde von S. Agostino zu Bergamo , 1 einem einschiffigen Ge-bäude, hat ein mässig behandeltes Rundbogenportal, zwei schlanke,mit reichem Maasswerk (von einigermaassen venetianischer Be-handlung) ausgesetzte Spitzbogenfenster, und andre geringereTheile gothischer Ausstattung, die aber auf Totalität keinen son-derlichen Anspruch macht.
Ein eigenthümliches Prachtstück dekorativer Architektur istdas Nordportal der Kirche S. Maria maggiore zu Bergamo : 2zierlich ruiulbogig, mit säulengetragenem Vorbau, die Säulennach altlombardischer Weise auf Löwen ruhend, der Bogen vongothischem Bogenwerk umsäumt; darüber luftig spitzbogige Taber-nakel-Architekturen mit Statuen.
Monza besitzt zwei Monumente der jüngern lombardischenGotbik, die, von verschiedenartiger Beschaffenheit, beiderseits einevorzüglich charakteristische Bedeutung haben. Das eine ist diekleine Kirche S. Maria in Strata 3 vom J. 1357, mit einerin glänzendem Reichtlium dekorirten Ziegelfaijade. Der untereTheil ist roh erneut; in geschossartiger Folge sind über demselbeneine kleine spitzbogige Nischengallerie, eine grosse Fensterroseund Spitzbogenfenster mit Maasswerk zu ihren Seiten, der Giebel-bau mit Spitzbogennische, kleinen Rundfenstern und vollerKrönung angeordnet. Ein innerliches Princip, auch nur ein wahr-haft rhythmisches Verhältniss ist in dieser Composition nichtwahrzunehmen; alle Sorge ist statt dessen nur dem Detail zu-gcwandt; aber dieses ist dafür in einer so glänzenden und feinenWeise du rchgebildet, dass das Werk in diesem Belang als dasMeisterstück der lombardischen Ziegeldekoration bezeichnet Averdendarf. — Das zweite Gebäude ist der Dom, 4 ein dreischiffigerBau mit Kapellenschiffen, im inneren System mit Säulen, dochdurch Modernisirung entstellt. Die Fa$ade ist ein prächtigerMarmorbau, fünftheilig nach Maassgabe der innern Anlage, indem Wechsel dunkler und heller Schichten, welche durch dieDekoration des Portales, der Spitzbogen- und Rosenfenster, zier-lichen Täfelwerks, kleiner Gallerien, u. drgl. unterbrochen werden.Auch hier ist, in der Austheilung dieser Stücke, ein dekorativesGefühl das allein Maassgebende, mit vollerer Gesammtwirkung,obgleich ebenfalls ohne sonderlich durchgeführte Rhythmik. Inden Mustern, welche jene Täfelungen füllen, sind die in derZiegeltechnik (wie bei S. M. in Strata) vorgebildeten Motivenachgeahmt.
1 Runge n. Rosengarten, arch. Mittheilungen über Italien, Heft II, Bl 5. —2 Street, p. 56. Hope, t. 95. Du Sommerard, les arts au moy. äge, I, II, t. 13.— 3 Runge, Backstein-Archit, Bl. 7, 22 (7\ Street, p. 229. Hope, t. 76. —Wiebeking, II, t 70. H. G. Kniglit, II, t. 39. Hope, t. 80.