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XII. Die Architektur des gothischen Styles.
vorderen Dienste steigen zum Mittelschiffgewölbe empor, dochmehrfach von starken Kapitälkränzen oder Gesimsen unterbrochen.Die Scheidbögen, die Eingangsbögen der Seitenkapellen, dieBögen kleiner Fenster, welche in dunkle Räume über den letztemführen, sind halbrund; die Gewölbe spitzbogig und, durch Quer-rippen, welche auf Consolen oder Wanddiensten aufsetzen, sechs-theilig. Eine zierlich farbige Musterung der Gewölbekappen,zum Theil mit Sternen, ist von eigentümlichem Reize. DieSeitenschiffe sind hoch, durch dies Verhältniss zu der feierlichenWirkung des Innern wesentlich beitragend; nur kleine Kleeblatt-lenster, im Einschluss der Schildbögen, öffnen sich in den Ober-wänden nach aussen. Chor und Querschiff', zu den jüngeruTheilen des Baues gehörig, kehren völlig zu einer romanischenDisposition zurück; ihr Aeusseres, sowie das des Langschiffes,zeigt ebenfalls die, zu den Motiven der Renaissance hinüber-leitende Wiederaufnahme der romanischen Motive. (Vrgl. Bd. II,S. ÖO). Die Fa<;ade ist ein überaus glänzender Renaissancebau.
Abweichend von dem Style der lombardischen und von demder gesammten italienischen Gothik ist der Bau des Domesvon Mailand . 1 Er wurde im J. 1386 gegründet und, nachlangsamen Fortschritten und Wechsel vollen Schicksalen, erst inneuerer Zeit vollendet. Dennoch bildet er, wenig Einzeitheileausgenommen, ein Ganzes von gleichartigem Gusse. Es ist einWerk von nordischer Anlage, wenn auch nicht ohne Modificationendes nordischen Systems, welche der-Gefühlsweise des Südens an-gehören. Die verwickelte Baugeschichte des Lomes lässt mehr-fach und an gewichtiger Stelle die Namen deutscher Meisterhervortreten; einen von diesen, Heinrich von Gmünd, hältinan für den ursprünglichen Meister des Domes. Jedenfallsdeuten nicht bloss die Grundzüge in Anlage und Aufbau aufdie jüngere Gothik Deutschlands ; auch das vorziiglichst charak-teristische Detail bezeugt diese Verwandtschaft, — und zwarvöllig bestimmt, einen Anschluss an jene böhmisch-schwäbischeSchule, zu deren Hauptwerke namentlich der Prager Dom ge-hört und von deren Meistern einige der namhaftesten aus derStadt Gmünd herstammen. — Der Dom zeichnet sich ebensosehrdurch seine kolossalen Dimensionen und das glänzende Material(durchweg weissen Marmor), wie durch die Klarheit der Anord-nung im Allgemeinen und die reiche Fülle des Details aus.Die Gesammtwirkung ist die einer grossartigen Majestät, einer
1 Wiebeking, I, t 27, 41; II, t 57, 61, 69. D’Agineoui-t, t. 41 (14—18), 65(17), 68 (47), 70 (31). H. G. Knigbt, II, t. 37, 38. Cliapuy, moy. age mon.,No. 225; moy. age pitt., No. 111, 145. U. A. m. Denkmäler der Kunst , T. 57(7-10).