Gothisches im Orient.
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11. Gothisches im Orient.
Auch auf den Orient, zu den Stätten occidentalischer Herr-schaft, die in Folge der Kreuzzüge erstanden waren, wurden dieFormen der gothischen Architektur hinübergetragen. Sie bliebjedoch ein fremdes Reis auf fremdem Boden, durch ein umfas-senderes Kunstbedürfniss nicht getragen, zu eigenthümlicher Be-deutung nicht entwickelt. Was an einzelnen bemerkenswerthenBestrebungen hervorgetreten war, erlag zu bald dem erneut sieg-reichen Andringen des Islam.
Als ein schmuckreiches Dekorativstück früheren gothischenStyles mag das Doppelportal der Kirche des heiligen Grabes zuJ erusalem 1 erwähnt werden, mit schlanken Säulen in den Por-talgewänden, mit feiner, steil aufsteigender und dann im gedrück-ten Spitzbogen zusammengewölbter Bogengliederung.
Eine namhafte Zahl von Monumenten oder den Resten vonsolchen hat die Tnsel Rliodus, 2 die von 1309 bis 1522 der Sitzdes Johanniterordens war. Sie befinden sich in der Stadt Rhodus oder in der Nälie derselben. Eins von diesen, die Kirche des h.Stephan ausserhalb der Stadt, ist noch ein byzantinischer Bau,mit einer Kuppel über spitzbogigen Wölbungen, zugleich mitspätgothischen Details, welche der Zeit der Ordensherrschaft an-gehören. Die übrigen Denkmäler fallen sämmtlich in diese Zeitund tragen somit das spätgothische Gepräge, mehr oder wenigerin charakteristisch südlicher Fassung, selten in einer edlerenDurchbildung. Die Hauptkirche St. Jean, schon 1310 gegrün-det, ist ein Bau von einfach basilikenartiger Disposition, im In-nern spitzbogige Schiffarkaden mit verschiedenartigen , zumeistantiken Säulen enthaltend und ungewölbt, im Aeusseren durchdie klaren Gesimsumfassungen der halbrund eingewölbten Fenstervon einer gewissen schlichten Würde. Das Kapitel von St. Jean(„Loge de St. Jean“), jetzt eine verfallene Ruine, scheint einstattlicher gewölbter Hallenbau gewesen zu sein. Die KirchenSte. Catherine, die Ruinen von St. Marc und von Notre-Dame de Philerme ausserhalb der Stadt tragen das Geprägeschlichten Spätstyls. Von dem Justizgebäude (der „Cliätel-lerie“) aus der Zeit um 1375 sind die Gallerieen des Hofes er-halten, spitzbogige Arkaden mit kräftig gegliederten Pfeilern,nicht ohne eine lebhaft malerische Wirkung. Das Kloster desJohanniterordens, 1445 beendet, bildet einen Bau, dessen Aeus-seres sich durch eine fast römische Massenhaftigkeit auszeichnet.