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4 (1867) Geschichte der neueren Baukunst / von Jacob Burckhardt und Wilhelm Lübke
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If. Buch. Renaissance in Frankreich .

Die Verbindung der Räume war also so angenehm und bequemwie möglich; der Architekt hielt dabei zwar für den Mittelbaudie Axen der Fenster und Arkaden übereinstimmend, band sichaber für die Flügel nicht streng an solche Vorschrift. Dagegenlegte er die Thüren der Gemächer überall dicht hei den Fensternan. so dass er möglichst viel ununterbrochene Wandflächen er-hielt. Endlich ist noch zu bemerken, dass auch in den offnenPortiken durch die vorspringenden Treppenthürme und Pavillonsdie Zugluft möglichst abgeschnitten war. Man darf dieses Schlossalso wohl als Muster eines fürstlichen Landsitzes jener Zeit be-zeicli en.

Der Aufbau des Ganzen, von dem wir in Figur IG denmittleren Theil geben, zeigte eine Verbindung zwischen italie-nischer und französischer Auffassung, die hier ebenso gelungen,wie in Chambord missglückt war. Die hohen Dächer, die jedenIlaupttheil bedeckten, die kuppelartigen Krönungen der Wendel-treppen, die Mansardenfenster und die gewaltigen Kamine ge-hörten der nationalen Ueberlieferung an, aber sie waren auf dasMaass des Xothwendigen zurückgeführt, nicht Gegenstand einerphantastischen Liebhaberei geworden. Auch die Fenster mitihren steinernen Kreuzstäben und die Construction der Wöl-bungen gehörten der heimischen Rauweise an: alles Uebrigedagegen war der italienischen Renaissance mit freiem Verständnissnachgebildet. Diess gilt von den Arkaden mit ihren elegantenPfeilern und Säulen, ihren reich profllirten und eassettirtenRügen und ihren Medaillonfüllungen, von den elegant dekorirtenFriesen und der mannigfaltigen Umrahmung der Fenster, durchwelche jedes Stockwerk seinen besondern Charakter erhält,endlich von der Krönung der Thüren, die mehrfach einen Giebelmit ruhenden Figuren zeigen. Den glänzendsten Schmuck empfingder Rau durch die reiche Anwendung farbig glasirter Terrakotten,für welche Girohuno della Jlobhia ausdrücklich von Florenz be-rufen wurde. 1 An den Friesen der Ilauptgeschosse und denMedaillons der Arkaden, ebenso an den Deckencassetten der Por-tiken , sowie an den Fussbüden war dieser glänzende Schmuckverwendet. Du Cerceau giebt einige Reispiele der Cassetten-platten, die durch Schönheit der Zeichnung und Reichthum derErfindung bewundernswürdig sind. Wenn indess der gelehrteViollet-le-Duc 2 * die Relmuptung ausspricht, dass diese Anwendungglasirter Terrakotten am Aeussern von Gebäuden eine neue,Franz I zu verdankende Erfindung sei, so vergisst er unter

1 Yasari. V. di Luca della Robliia T. III, p. 72: «Girolamo.fu

condotto in Francia ; dove fece molte opere per lo re Francesco a Madri,

luogo non molto lontano da Parigi: e particolarniente un palazzo, con molte

figure cd altri ornamenti» etc. 4 Plntretiens T. I, p. 854.