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§. 215. Grundzüge des nordischen Realismus.
Schon bald nach der Mitte des XVI. Jahrhunderts ver-schwinden in der deutschen Malerei auch die letzten irgendbedeutenden Individualitäten; was in den Niederlanden undanderswo fortlebt, ist nur partiell erfreulich und meist vonItalien abhängig.
Die Ueberlieferung ist auch für diese Periode erstaun-lich lückenhaft. Im XV. Jahrhundert kommen die Kunst-nachrichten neben der Masse der noch jetzt vorhandenenKunstwerke kaum in Betracht: eine gewisse Art von fort-laufender Tradition giebt es nur für die Niederlande, wäh-rend für Deutschland wenig mehr als einzelne Namen undJahrzahlen vorhanden sind. In Frankreich fehlt nicht nurdie Kunstgeschichte, sondern selbst die wesentlichsten Denk-mäler, Tafelbilder und Fresken; ebenso in England. Selbstfür das XVI. Jahrhundert ist die geschriebene Kunde mehraus Archiven als aus der gleichzeitigen Literatur zu gewin-nen; die Kunst war für die Schreibenden offenbar keinLebensinteresse mehr, sie stand in einem ganz andern Ver-hältnisse zur Bildung als in Italien .
Bleiben wir vor der Hand bei der Betrachtung desXV. Jahrhunderts stehen. Der Uebergang aus dem ger-manischen Idealismus in den oft sehr schroffen und herbenRealismus vollzog sich mit überraschender Schnelligkeit;nur dass die Grundlage des erstem, die Welt der Stimmun-gen, auch im letztem immer wieder zum Vorschein kömmt.Man mag in der scharfen, selbst tief in’s Unschöne*) gehen-den Individualisirung, in der fleissigen Durchführung allerNebendinge eine Verwandtschaft finden mit der prosaischenVerständigkeit, dem volkstümlichen Witz in der damaligenLiteratur und Poesie, ja vielleicht mit derjenigen Richtungauf das Praktische und Neue, welche in jener Zeit zur Er-findung des Bücherdruckes führte; immer aber geht einphantastischer Geist nebenher, welcher dem Kunstwerkzwar bisweilen seinen höchsten Reiz verleiht, ihm aber
*) Und in’s Philiströse (sit venia verbo).