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Büchlein, so vor ihm lag, aufhub und aufspert. Das war ein hebräischer Psalter. Da legte eres bald wieder nieder, und der Reuter behielts. Aus dem uns mehr Zweifel zufiel, wer erdoch were; und sprach mein Gesell: „„Ich wollt ein Finger ab der Hand geben, daß ich michdieser Sprach verstund."" Antwurt er: „Ihr möget es wohl ergreifen, wo ihr änderst wolletFleiß anwenden; dann ich die auch begehr weiters zu lernen, und mich täglich darin übe." Dem-nach der Tag gar hinunter, und sehr dunkel war, kam der Wirth für den Tisch; wie er ver-standen unser hoch Verlangen und Begierd nach dem Martinus Luther, sprach er: „„Liebe Ge-'scllcnl „Euch wers gelungen, wo ihr vor zwey Tagen hie warend gewesen; denn hie ist er andem Tisch gesessen;" und zeigt mit dem Finger an den Ort. Das verdroß uns sehr, und zürn-ten, daß wir uns versumbt hatten, ließen den Zorn an dem wüsten und unfertigen Weg aus,der uns verhindert hat am Gen; und sprachend: „Es freut uns doch, daß wir in den, Haus,an dem Tisch, da er gesessen, sind." Des möcht der Wirth wohl lachen, und ging damit zurThür hinaus. Zu ihm kommend, erschrak ich, und bedacht auch was ich verunschickt, oder wasich unschuldig verdacht wurde. Da sprach der Wirth zu mir: „„Dieweil ich euch in Treuen er-kenn, daß ihr den Luther zu hören und zu sehen begehret: Der ist's, der bey euch sitzt."" DieWort nahm ich gespödtweis an, und sprach: „Ja, Herr Wirth! Ihr wollet mich gern sahen *)und mein Vegierd mit des Luthers Wohn **) erftttigen." Antwortet er: „„Er ist's gewüßlich;doch thue nit desgleichen, ob du ihn dafür haltist, und bekennst."" Ich ließ dem Wirth recht;konnt aber nit glauben, und gieng wieder in die Stuben; setzt mich zu dem Tisch, hct es auchmeinem Gesellen gern gesagt, was mir der Wirth eröfent hat. Ich waudt mich daruinb gegender Thür und gegen ihm; runet Lkliikert) heimlich » „Der Wirth hat mir gesagt, der sey der Lu-ther." Er wollt es auch, wie ich, nit bald glauben, Und sprach: „Er hat viellicht gesagt, essey der Hütten, nnd hast ihn nit recht verstanden." Dieweil mich nun die reutcrisch Kleidungmehr an den Hütten, dann an den Luther als einer Monachen ***) vermahnt, ließ ich mich alsobereden, der Wirth hatte gesprochen: es ist der Hütten; dann der Anfang beider Namen schier zu-sammenklingen. Dcrhalben was ich redet, geschach, als wann ich mit Herr Ulrich von Hüttenredet.
Indem allem kamen zween der Kaufleuten, die auch allda übernachten wollten ; und nachdemfie sich entlediget und entsperret, legt einer nebcnt sich ein ungebunden Büchlein. Fraget Martin,was es für ein Buch wäre? Sprach er: „Es ist Doctor Luthers Auslegung etlicher Evangelienund Episteln, erst ncugcdruckt und ausgangcn; Hand ihr sie nie gesehn?" Sprach Martin: „Siesollen mir auch bald werden." Da sprach dcr Wirth, er wolle sich mit uns leiden f) und unsetwas besonders geben. Sprach der Wirth: „„Lieben Gesellen, setzend euch nun zu dem Herrn
Tatzen, ioeari, ludere, scurrare, einen hudeln, mitnehmen, verirrn. „Mein Tochter wird übel g'at,z«t von dem bösen Geist." Faßbub, Faßnarr, so viel als: scurra; Fatzwone Owetiae.
**) Wohn und Wahn, opiuio. Eine- Dinges Wohn, Wahn habe», Meinung von etwa« haben.
***) Mönch.
-f) Sich leiden, sich gedulden.