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3 (1851) Griechische Vasengemälde / erklärt von F. G. Welcker
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Boreas und Orcithyia.

Böttiger, der um die Aufklärung der früheren Ge-schichte der Malerei unläugbar sich ein grosses Verdiensterworben hat, schildert den Polygnot darin sicher nichttreffend dass er ihm alterthümliche Rohheit, im Contrast mitden Werken des Phidias und Polyklet zuschreibt, alterthüm-liche Steifheit und Rost, womit es sich dann wenig ver-trägt dass er eine Vergleichung des Polygnot mit MichelAngelo, die nicht unglücklicher seyn könnte, gutheisst 80 ).Diess grosse Missverständnis hat sich von da aus ziemlichverbreitet. Platon scheint den Polygnot dem Phidias an dieSeite zu setzen 8I ); bei Aristoteles erscheint er nicht minderbedeutend; und es hatten beide in Athen einen grossenTheil aller Werke des grossen Künstlers unter Augen. Er-wägt man Alles was uns von ihm und seinen Werken be-kannt ist, so wird man nicht anstehn ihn den Aeschylus derMalerei zu nennen. Und wahrscheinlich hat er als der äl-tere und durch die Berührung in die er die alte IonischeSchule mit der Attischen Kunst brachte, auf den Phidias selbst grossen Einfluss gehabt.

Wenn wir nun nach den Kriterien des PolygnotischenStyls unser Vasengemälde betrachten, so ist nicht so sehrdarauf zu sehn in welchem Grade jeder einzelne Hauptzugwiederzufinden sey als darauf dass sie alle darin vereinigtsind und zugleich die Charakteristik desselben erschöpfen,ohne etwas Anderes zuzulassen. So finden wir denn 1) dengeöffneten Mund, insbesondre an den drei Schwestern undan Boreas 82 ), und eine grosse Manigfaltigkeit der Physiogno-

80) Archaeologie der Malerei S. 270. 309. 368. 346. Auch derHelena des Polygnot mag grosses Unrecht geschehn S. 318. Der-selbe über den Raub der Kassandra S. 40. Ähnlich urtheilte Meyer.Hauptgrund des Missverständnisses war die Stelle Quinctilians XII, 10,der in dieser Angelegenheit kaum eine Stimme hat und übrigensdort die Kunst der Farbenmischung nicht von der Zeichnung un-terscheidet.

81) Letronne Lettrcs d'un Antiquaire p. 426.

82) Diese geöffneten Lippen sind auch merklich an den drei