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3 (1851) Griechische Vasengemälde / erklärt von F. G. Welcker
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Boreas und Oreithyia.

ser Art der Nachbildung das Einzelne in dem Masse ge-lungen sey wie die Composition im Ganzen und der Um-riss der ganzen Figuren und Stellungen. So stehn be-sonders die Augen zurück, es sey aus Eilfertigkeit oder ei-nem andern Grunde: der Geist und die Meisterlichkeit desGanzen lassen schliessen dass das weniger Gelungene nichtgeradezu als zeitige Gränze der Kunst überhaupt zu neh-men ist. Aber auch so wird man eingestehn müssen dassIdealität mit Charakteristik in diesen Bildern vereinbart sey;das Grosse, das Hohe wird man ihnen nicht absprechen.Pie Mässigung und Buhe die über dem Ganzen walten, ver-binden sich mit lebendigem Kraftgefühl, mit der edelstenGestalt und Geberdo zum wirklichen und vollen Ausdruckdes Grossartigen.

Diese Vorzüge hervorzuheben dienen einige zu aller-nächst liegende Vergleichungen. Gerhard bemerkt, indemer die Berliner Amphora mit Boreas und Oreithyia beschreibt,dass der Gegenstand auf keinem andern Kunstwerke gross-artiger aufgefasst seyn könne als an ihr. Er kannte damalsdie unsrige noch nicht, die offenbar gerade in der Grossar-tigkeit und in der idealen Anschauung die andre bedeutendübertrifft. Sodann hat mein Freund Gerhard, als er neulichdie bekannte Schale des Sosias wieder herausgab, nicht ange-standen ihr ein Gepräge des Polygnotischen Geistes zuzu-schreiben 83 ). Aber man wird den seltnen Werth diesesDenkmals nicht herabsetzen wenn man gesteht dass demganzen Kreise der grossen Götter die Grossheit abgeht wel-che die Königsfamilie unserer Amphora auszeichnet; dass

83) Coupes Grecq. pl. 6. 7. p. 8:Zeitgenossen des Polygnotwürden in diesem Werk das liefe Verständniss anerkannt haben, dasin Zeichnung und Gruppirung sich offenhart. Der Maler selbst demals Original oder Abbild diese Zeichnung angehört, kann einer we-nig späteren Zeit angehören. [Ich hatte in dem Bericht über denKapp. Volc. im Rhein . Mus. 1833 I S. 311 bemerkt d ass mancheder schon damals abgebildeten Vasengemälde von dem Ethos wenig-stens des Polygnot mehr enthalten möchten als die Schale des Sosias.].