Buch 
Der Cicerone : eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens / von Jacob Burckhardt
Entstehung
Seite
16
JPEG-Download
 

16

Architektur. Komisch-ionische Tempel.

über welchem sich bisweilen einige Zierrathen zeigen. Auch ihr Ge-bälk fällt mehr oder weniger der Willkür anheim.

Von römisch-ionischer Ordnung besitzen wir noch ein gutesund frühes, aber sehr durch Verwitterung und moderne Verkleisterungaentstelltes Beispiel, den sog. Tempel der Fortuna virilis zu Rom .Die Voluten, seitwärts mit Blattwerk verziert, haben allerdings schonziemlich todte, unelastische Spiralen; dafür zeigt der Fries noch an-muthige Laubgewinde und das Kranzgesimse seine Löwenköpfe.b Der kleine Sibyllentempel in Tivoli hat noch seine viersäuligec Vorhalle. Der schon erwähnte Tempel Vespasians , am Auf-gang zum Forum, ist bei einer höchst nachlässigen Restauration desIII. oder IV. Jahrhunderts mit jenen oben (S. 8. Anm.) geschildertenionischen Bastardcapitälen versehen worden. Seine Granitsäulen, schonfrüher nie cannelirt, wurden in ungehöriger Aufeinanderfolge der Stückezusammengeflickt. Von den Bauten in Pompeji ist wenigstens died innere Säulenstellung des Jupitertempels leidlich ionisch; sonst herrschtdort die Bastardordnung fast ausschliesslich vor.

Die schönem römisch-ionischen Tempel leben fast nur noch in je-nen Sammlungen verschleppter Fragmente fort. Man wird wohl nirgendsmehr eine solche Auswahl guter ionischer Capitäle beisammen finden,e wie über den Säulen von S. Maria in Trastevere ; einzelne haben nocheinen fast griechischen Schwung, andere sind durch reiche Zierrathen,ja durch Figuren, welche aus den Voluten und an der Deckplatte herausquellen, interessant. Ob die Menge verschiedener antiker Con-solen, welche am Gebälke derselben Kirche angebracht sind, von den-selben Gebäuden herrühren, ist begreiflicher Weise nicht zu ermitteln.(Ein schönes römisch-ionisches Capitäl u. a. im grossen Saal des P a-flazzo Farnese. Zu den besten Bastardcapitälen dieser Ordnung mitg vier Eckvoluten gehören diejenigen in S. Maria in Cosmedin, an derWand links.)

Weit das Vorherrschende im ganzen römischen Tempelbau, ja imBauwesen überhaupt, ist die korinthische Ordnung. So selten ihreFormen in vollkommener Reinheit auftreten, so oft wird man da-