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Der Cicerone : eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens / von Jacob Burckhardt
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Architektur. Häuser von Pompeji .

ist und Fenster sich fast nirgends finden. Durch die Thür nach demHofe konnte nur ein sehr ungenügendes Licht hereindringen, da diebedeckte Halle vor der Thür den besten Theil vorwegnahm. Unddoch können die zum Theil so vortrefflichen Malereien des Innernweder bei Lampenschein ausgeführt noch dafür berechnet sein. EinOberlicht, etwa als Dachöffnung mit einer kleinen Lanterna oder Loggiabedeckt zu denken, würde wohl am ehesten die Schwierigkeit lösen.Jedenfalls ist es bezeichnend, dass alle Nebengemächer, die einzelnenHausgenossen oder besondern Bestimmungen zugewiesen waren, nebenden Familienräumen: dem Tablinum und dem Triclinium zurückstehen,und dass die Hallen der eigentliche Stolz des Hauses waren. Es wäreunbillig, an ihren Säulen eine strenge griechische Bildung zu erwarten,da die Örtlichkeit sowohl als die bescheidenen Umstände der Besitzerdie Anwendung des Stuceo verlangten, dieser aber die Formen aufdie Länge immer dcmoralisirt; man darf im Gegentheil den Schön-heitssinn bewundern, welcher noch immer mit verhältnissmässig sogrosser Strenge an dem einst für schön Erkannten festhielt. An con-vexen Cannelirungen, an vortretenden Dreiviertelsäulen, an dem öftergenannten ionischen Bastardcapitäl, an achteckigen Pfeilern, sowie anvielen andern bedenklichen Formen soll zwar das Auge sich nicht bil-den, aber auch nicht zu grossen Anstoss nehmen, sondern erwägen,von welchem grossen, reichfarbigen Ganzen dieses einst blosse Theilewaren, und wie sich die Einzelheiten gegenseitig tlieils trugen theilsaufwogen. Wie sehr bereitet schon die einfache Mosaikzeichnung desBodens auf den architektonischen Reichthum vor.

Einen Prachtbau mit strengem Formen findet man wohl nur ina derCasa del Fauno; den eigenthümliehen pompejanisclien Zau-bbcr aber gewähren in hohem Grade z. B. auch dieCasa del poetac tragico, die schöne Gartenhalle derCasa de capitelli figurati, diedCasa del labirinto und dieCasa di Nerone mit ihren Triclinienc hinten, dieCasa di Pansa mit ihrem prächtigen Peristilium, diefCasa della Ballerina mit dem so niedlichen hintern Raum fürBrünnclien, Statuetten und etwa eine Rebenlaube, und so vieleandere Häuser. Denn Pompeji ist aus Einem Guss und bisweilen ge-währt auch ein geringes Haus irgend eine architektonische Wirkung,die zufällig dem kostbarsten fehlt. Von den Landhäusern ist die