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vor dcr Autorität der Wissenschaft und der Bibel die plo.netarischcBewegung der Erde wie die Stellung der Sonne im Centrum dcöPlanetensystems als eine bloße Hypothese bezeichnet habe. Dieser
sind bereits an mehreren Stellen meines Aufsatzes thatsächliche Beweise für dieUnrichtigkeit dieser Ansicht mitgetheilt; ich kann mich hier darauf beschränken,dieselben übersichtlich zusammenzustellen. Vor Allem weise ich darauf hin, daßdas Werk von CopernicuS dem Oberhaupte der katholischen Christenheit gewidmetist. Der Pabst war zweifelsohne von der Absicht des Verfassers, ihm sein Werkzu dedicircn, unterrichtet und hat die Widmung angenommen. Aber selbst wenner nicht ausdrücklich die Genehmigung dazu gegeben haben sollte, so ist dochkeine Einsprache nach dem Tode des Verfassers erfolgt; ja die Freunde des Co-pcinicuS beeiscrn sich, das theure Vermächtniß des Entschlafenen dem Pabste zuübersenden. „Ich bitte — schreibt der Bischof Ticdcmann Giese an RheticuS —mich zu benachrichtigen, ob das Werk dem Pabste übcrsandt worden ist; dennwenn dies noch nicht geschehe» ist, wünschte ich dem Verblichenen diesen Dienstzu erweisen."
Aber das Werk des CopernicuS ist nicht nur unter dem Schuhe der höchstenkirchlichen Autorität dcr gelehrten Welt übergeben und dadurch gegen unwissendeVcrkctzerung sicher gestellt worden: hohe Kirchenfürstcn waren cS. die bei demzögernden Verfasser die Veröffentlichung betrieben haben; ein Bischof und einKardinal der Römische» Kirche werden von CopernicuS selbst ausdrücklich hervor-gehoben. Der Verfasser selbst, ein Prälat der Kirche, lebte nicht nur unange-fochten, sondern hochgeehrt als Mitglied eines geistlichen Kollegiums. Und wiedes Lebenden Gelehrsamkeit bei seinen AmtSgcnoffen in hoher Achtung stand, sowurde auch das Andenken des Verstorbenen in Ehren gehalten. Gegen Endedes 16. Jahrhunderts beschlossen Bischof und Domcapitel dem einstigen College»eine Gedenktafel in der Kathedrale zu errichten, seine Bücher und Instrumente *sind als theure Reliquien lange in Fraucnburg bewahrt worden. l
Allein bald nach dem Tode von CopernicuS kam eine ganz andere Zeit jherauf. Die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts bildet die Grenzscheide zwischen lentgegengesetzten geistigen Strömungen in der katholischen Kirche . Dem Jahr- iHunderte, welches nach der Flucht der Musen aus dem byzantinischen Reichesich in jugendlicher Begeisterung dem neu erschlossenen griechischen Alterthume !hingegeben hatte, folgte bald die entschiedenste Reaction, zum Theil durch die Pflicht ^der Selbsterhaltung geboten. Denn viele der hohen Prälaten hatten der heid-nischen Auffassung lo sehr gehuldigt, daß sie dem Christcnthume fast den Rückengewandt hatten. Dazu kam noch die Bewegung der deutschen und schweizerReformatoren, welche die katholische Kirche in ihrem Bestände ernstlich bedrohte.Man entschloß sich nun zu der entschiedensten Umkehr. Der geistige Aufschwungwurde gelähml und der Kirche der Charakter starrer Unverändcrlichkcit aufgedrückt.Das Tridcntiner Concil schließt die Periode der freien geistigen Bewegung. DieBegeisterung für das Alterthum wie für die ungehinderte Entwickelung der Wissen-schaft erlosch, und an ihre Stelle trat strenge kirchliche Gesinnung und Zucht.