Band 
Erster Band
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Kultur und Aufklärung.' xx^

Bey uns war vor Zeiten mehr Kultur als Aufklärung ;und nun ist mehr Aufklärung als Kultur. Die Ursachen da,von wird uns die Geschichte angeben. Nur schreye der Frem-de nicht gleich zur Anklage der Schmeichelei): Er warte dasEnde des Werks ab! Und wenn noch zu Zeiten ein böser Dampfüber unsern Horizont aufsteigt, so schließe er nicht gleich daraus:Alle Laster ersticken im Dampf. Sondern er komme selbsthiehcr, und sehe zu, wie die größere Anzahl in Bewegung ist,um diesen Dampf wegzuräuchern.

Doch hüte man sich zu glauben, daß ohne Kultur Aufklä-rung lange bestehen könne! Aufklärung verräth immer etwasKultur. Entweder hat die vorhergehende Generation einengewissen Vorrath Kenntnisse in Umgang gebracht, die nun ingesunden Köpfen wirken und aufkeimen; oder es gibt Zeitge-nossen, die für die andern lernen und denken, und ihnen dasBewährte und Brauchbare mittheilen.

Ich habe die Aufklärung ohne Kultur dem Uebcrfluß derAlpen und Iuragebirge verglichen. Hier ist aber auch nicht allesohne Anbau. Die Natur ist es im Grunde, so denselben besorgt.Der langstehende Schnee düngt den an sich selbst kräftigen Bo-den , die Winde wehen die Saamenkörn'er herbey, und die Fein-heit der Luft macht das Unkraut ersticken. Wenn aber ein Volk,in Ansehung der Aufklärung, sich bloß auf solche günstige Zu-fälle und Naturwohlthatcn verlassen wollte, so würde es ihmfrüh oder späth theuer zu stehen kommen.

Man kann es nicht zu oft wiederholen. Kultur des Geistesist die natürliche Mutter der Aufklärung. Wenn sie das Ge-gentheil gebührt, so widerfährt ihr, was jedem Weib, so einesungestalteten Kindes genesen ist. Es geschieht, wenn der Saa-me der Kultur sich ohne Keim befindet, wenn die Gebär-mutter schlaff oder angesteckt ist, wenn Leidenschaften die Ein-bildung verfälschen, wenn Zwang die Gedanken zerdrückt wieSchnürleib die Frucht des Leibes, wenn Generalunthätigkeitdie Säfte dergestalten verdickt, daß wässeriges Zeug ohne Blut,Leben, noch Feuer geboren werde. b ;