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schwere Zufülle, so dass wir uns fragen sollen, warum in jeder Pest dergleichenTumoren entweder schnell oder später zu erscheinen pflegen. Der Grund istder: weil, wie früher gesagt, das Pestgift so sehr unserer Natur zuwider ist,dass nicht allein unsere ganze Natur aufgewühlt wird, unsere Eingeweidevor diesem Gift zu bewahren, sondern auch von allen Theilen unseres Körpersund aus allen Kräften die Anstrengung gemacht wird, das schädliche Gift zuverjagen. Da also jene Theile, zu welchen die Natur selbst jenes Gift treibt,von Natur aus schwächlich und drüsenreich sind, so pflegt die Natur, sobaldsie angegriffen wird, sich zu entlasten. Denn wenn heim ersten Anfall zu-erst der Kopf vor Allem andern angegriffen worden, so entlastet er sich, soviel er kann, in die Umgegend der Ohren, oder auch in die Gegend desMundes oder des Rachens. Daher erscheinen die Parothiden und die pesti-lenzische Angina. Wenn aber zuerst das Herz angegriffen worden, entlastetsich die Natur unter die Achseln, woher der Anthrax erscheint. Sind aberzuerst Leber und Milz durch die Pest geschädigt worden, wie es sehr oftzu geschehen pflegt, entlasten sie sich zu den Leisten, daher die Bubonen.Warum aber häufiger Bubonen als Parothiden entstehen, ist der Grund inder Kürze folgender: weil die Materie des Pestgiftes, wie sie meist dick,schleimig und langsam ist, ihrem Gewicht nach eher nach abwärts als aufwärtsfliesst. Dazu kommt auch die natürliche Schwäche jenes Ortes, der abschüssigeSitz, wohin immerwährend die verdorbenen Säfte und der Unrath des ganzenKörpers zufliessen und gleichsam als Ausflüsse dienen.“
Dies ist die Erklärung für die Entstehung der Drüsenge-schwülste. Eine andere Frage war nun die: warum oder wannein Gegenstand inliziren könne und ein anderer nicht, zum Bei-spiel: wenn ein Hemd, das von einem Pestkranken getragen worden,zu andern Hemden oder andern leinenen Stoffen gelegt wird, kannes dieselben inliziren oder nicht?
„Der Pestherd ist entweder ein lebender und wahrnehmbarer Körper oderein nicht belebter, nicht beseelter. Wenn einer der ersten Kategorie in Fragekommt, so ist es sehr wahrscheinlich, dass er sich mittheilen kann, bei einemder zweiten Art kommt Folgendes vorerst in Frage: jener unbeseclte Pest-herd, in unserem Falle das vom Pestkranken inflzirte Hemd, wird entwederbewegt, geschüttelt, oder auch nicht. Wenn es bewegt und geschüttelt wirdund sich folglich erwärmt, auch wenn es nicht Anziehungskraft besitzt, kannes sich dennoch einem andern Herd, der fähig ist das Contagium aufzunehmen,mittheilen, und so geschieht die Uebertragung aus einem Theil des krank-machenden Agens. Wenn aber das infizirte Hemd nicht geschüttelt wird, nochbewegt werden sollte, sondern ruhig, durch keinen Luftzug bewegt, daliegt,so ist zweifellos, dass es Monate lang zu Niemandes Schaden so bleiben kann.Und, was noch wunderbarer ist, Irgend einer kann das inflzirte Hemd täglichohne Schaden tragen, unter der Bedingung jedoch, dass es nicht aufgeblasenoder geschüttelt werde.“ Es entsteht endlich auch die Frage, warum einigePestepidemien ansteckender sind als andere und die Männer schneller tödtenals die Frauen und diesen Mann schneller als jenen? „Neben der Meinungder Alten antworteten in ausgezeichneter Weise auf diese Frage Fracastoriusund Lucretius indem sie behaupten: in der Pest fahren verschiedene Samenherum, welche dem Einen oder Andern gleichsam freundlich oder feindlichsind, so dass sie den Einen tödten, während sie den Andern nur berühren,daher Hippokrates mit Recht sagte, dass nicht immer das Nämliche demMenschengeschlecht zuträglich und nichtzuträglich sei, so sehr sei Körpervon Körper, Natur von Natur verschieden. Auf diese Weise könne Einerbessern Widerstand leisten als der Andere, und was dem Einen zuträglich,