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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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Die lateinische Sprache beherrschte er so weit, dass er seineGedanken in metrische Form kleiden konnte. Er dichtete Epi-gramme; über seine Vorgänger am Bistum verfasste er einengrossen poetischen Katalog.

Natürlich hatte Erchanbald Beziehungen zu den damaligenStätten der Wissenschaft. Und wie wir in der karolingischen Zeitdie Einflüsse zu erwähnen hatten, die von den Gelehrten derReichenau her nach Strassburg und Murbach kamen, so habenwir jetzt das ruhmwürdige St. Gallen zu nennen. Von dort beriefBischof Erchanbald den Mönch Victor nach Strassburg , damiter an der Domschule als Lehrer wirke. Mit dem grössten Erfolgewar der fähige und gelehrte, aber unruhige Mann in dieser Stel-lung tätig. Urbem suam doctrinis ejus floridam fecit, schrieb derSt. Galler Chronist vom Bischof. Nach Erchanbalds Tod zog sichVictor als Eremit in die Einsamkeit zurück; von da an wurde erim Eisass wie ein Heiliger verehrt.

Aus demselben St. Gallen erhielt Bischof Erchanbald aberauch eine Abschrift des Walthariusliedes, das dort der MönchEckehard gedichtet hatte, eines Liedes, in dem, «nur virgilischveredelt, noch die Strenge altgermanischen Heldentums vor-herrschte». Es war kein originales Werk des St. Galler Mönches.Vielmehr lateinische Umdichtung des alten, homerisch grossenGesanges von Walther und Hildegunde . Seine Katastrophe aber,den Kampf Walthers mit den starken Helden von Worms ,hat das Epos in der Nähe Strassburgs selbst, im Vogesenwaldam Wasgensteine (bei der Strasse von Weissenburg nach Bitsch).Wenn daher der St. Galler Gerald, Eckehards Lehrer, diesesWerk des Schülers dem Bischof Erchanbald nach Strassburg sandte, so geschah dies sicherlich nicht nur deswegen, um denWeisen des Elsasses ein Produkt der St. Gallischen Schule zuzeigen. Unter der Hülle gelehrter Bearbeitung kehrte das gewal-tige Heldenlied in seine alte Heimat zurück.

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