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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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Reichenau , später in Korvey waren die grossen und weitberühm-ten Studienstätten; die elsässischen Klöster hatten nichts Gleichesaufzuweisen.

Immerhin zeigt uns in Murbach der unter Abt Isker vordem Jahre 876 verfasste Katalog der Klosterbibliothek, dass diewissenschaftliche Regsamkeit der dortigen Schule, die wir in dengrossen Zeiten Alkuins kennen gelernt, auch jetzt noch dort eineWirkung hat. In demselben Murbach sind damals auch anna-listische Aufzeichnungen gemacht worden, die sich an ältere, inder Reichenau geschriebene Annalen anlehnen.

Zur gleichen Zeit entstand im äussersten Norden des El-sasses, im Kloster Weissenburg, ein hochberühmtes Werk: dasevangelium theodiscum des Mönches Otfried. Es war im Jahre867 oder 868 vollendet und wurde dem König Ludwig dem Deut-schen gewidmet. Otfried wollte die ihm widerwärtigen welt-lichen Lieder des Volkes durch etwas Besseres verdrängen undschrieb zu diesem Zweck eine Messiade in deutschen gereimtenVersen. Es ist das Werk eines Gelehrten, nicht eines Dichters,und in mönchischem Sinne verfasst; wortreich, unvolksmässig,predigthaft. Aber der Beachtung wert erscheint Otfrieds natio-nales Selbstgefühl, sein Ruhm des Frankenvolkes, sein Stolz aufdieses Werk, in dem es nun gelungen sei, Christum deutsch zubesingen. Jedenfalls «darf man auf den ersten beglaubigtenNamen eines grossen Geschichtsverlaufes mit Ehrfurcht blicken;Otfried aber ist der Erste, welchen die deutsche Literatur-geschichte nennt».

Neben den gelehrten Klöstern konnten zur Zeit Karls desGrossen auch die Elsässer Bischöfe genannt werden. Nur einigeJahrzehnte später, und von einer so lebendigen Teilnahme dieserHerren am geistigen Leben ist zu berichten nicht mehr möglich.Erst die Zeit der Ottonen , die ja im Allgemeinen ein Wachstumder Bildung und der literarischen Interessen erkennen lässt, gabdem Eisass auch wieder einen gelehrten Bischof, Erchanbald zuStrassburg (965991).

Er war ein Mann von hervorragender literarischer Bildungund besass eine reiche Bibliothek, in der nicht allein Heiligen-leben sich fanden, sondern auch die Werke der grossen patres,ferner die Schriften des Paulus Diaconus , des Prudentius u. A.

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