Die Zeit der Geisslerzüge ist im Eisass zugleich die hohe Zeitder Mystik. Auch in dieser zeigen sich uns die Bewegungen, dieneben der Kirche und ihrer offiziellen Lehre das Recht einereigenen geistigen Arbeit, eines eigenen seelischen Verlangensvertreten. Die Mystik strebt nach einem Zustande, in dem dieSeele des Menschen mit Gott Eins wird; Gott muss in der Seelewerden, in ihr seine Ruhestatt finden, und die Seele nimmt Teilan göttlichen Eigenschaften und Werken. Das ist die «Vergot-tung der Seele», von der Meister Eckart spricht.
Dieser Eckart, ein Dominikaner , um 1327 gestorben, hat umdas Jahr 1310 auch in Strassburg gelebt und hier seine Lehrenamentlich in Predigten verkündet. Eine Lehre, die dann ineinigen ihrer Sätze durch die Kirche als häretisch und anstössigverworfen worden ist.
Eckarts Schüler und Ordensgenosse, aber auch sein Fort-setzer in der Predigtarbeit, ist Johann Tauler . Dieser, in Strass burg geboren und hier auch meist wirkend, im Jahre 1361 ge-storben, ist der gewaltige Prediger, der neben dem MinoritenBerthold von Regensburg «die grösste Bedeutung für die deutschePredigt im Mittelalter hat». Gedanken Eckarts kehren bei ihmwieder, aber gemässigt, ohne den Pantheismus, dessen Eckartbeschuldigt worden ist. Er legt mehr Gewicht auf das Praktischeals auf das Spekulative.
Taulers Predigten waren, gleich den eckartischen, Kloster-predigten, bei denen aber auch Laien anwesend sein konnten.Sein Bestreben war, «die Hörer aus allen innern Stürmen zurlautern Gleichheit zu führen, zur stillen Sicherheit, die, ohnedurch Liebes und Leides aus der Bahn geworfen zu werden,stets im Gleichgewichte bleibt».
Bewundernswert ist auch, wie Eckart und Tauler diedeutsche Sprache zum philosophischen Ausdruck erziehen; ihreSprachkraft vermag auch das Abstrakteste deutsch zu sagen.
Alles ist so dem Zuge der allgemeinen Entwickelung der Zeitentsprechend: diese Theologie, die alles Gewicht legt auf dasunmittelbare Verhältnis des Einzelnen zu Gott ; das Deutschdieser Predigten und Traktate als die notwendige «neue Formfür den neuen Gehalt»; nicht zuletzt auch das Ergriffenwerdengerade von Laienkreisen durch die Mystik.
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