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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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Wir haben eine Fülle von Erscheinungen vor uns, das ganzefünfzehnte Jahrhundert hindurch immerfort sich mehrend, anLeben zunehmend, von aller Kraft und Leidenschaft dieser denk-würdigen Zeit dahingetragen. Wir sehen Glanz, Not, Verfall. DieZustände im Bistum Strassburg unter Bischof Wilhelm (1394 bis1439) zeigen, was auch an den höchsten Stellen geschehenkonnte. Neben der Verderbtheit von Klerikern regt sich die em-sigste Geschäftigkeit der kirchlichen Organe, oft auch die lau-terste Reformabsicht; was von Seiten des Volkes diesen Bemü-hungen entgegenkommt, ist vielfach eine massenhaft und mitdem höchsten Pathos der Devotion sich äussernde Kirchlichkeit.

In diesem Zusammenhänge verlangt nun auch die damaligeKunst des Elsasses unsre Beachtung.

In der Hauptsache wird sie uns ja nur als kirchliche Kunstbekannt. Doch übersehen wir nicht, dass ihre Werke vor allemdas künstlerische Bedürfen und Vermögen der Zeit überhauptbezeugen, dass sie Aeusserungen der allgemeinen Kultur desLandes sind.

Vom Münsterturm zu Strassburg und seiner Vollendung imJahre 1439 ist schon die Rede gewesen. Wir können auch dieLaurentiuskapelle daselbst nennen als «ein ausgezeichnetesMuster des Spätstiles». Ebenfalls städtische Leistung, zugleichLeistung eines Wallfahrtsortes, ist das Münster zu Thann.

Wir haben dabei durchweg eine volkstümliche Kunst desLandes Eisass selbst vor uns und wiederholen das schon einmalGesagte. Seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts hat dasEisass in seiner kunstgeschichtlichen Entwicklung die vorhermächtige westliche Influenz durch eine neue Orientierung nachOsten ersetzt. Die Bauleute der rechtsrheinischen Nachbarländerkommen ins Eisass, um hier zu lernen oder um hier selbst zuschaffen. Die Meister des Strassburger Münsters dieser spätenZeit sind Deutsche. Unter den vier Hauptbauhütten der deut­ schen Lande ist die Strassburger Hütte die erste; die andern dreisind die Hütten zu Köln , Wien und Bern ; der Strassburger Münsterbaumeister ist der Obmann Aller.

Dagegen nehmen wir an Werken elsässischer Plastik undMalerei des fünfzehnten Jahrhunderts deutliche Einwirkungender burgundisch-niederländischen Kunst wahr. Der Maler Hans

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