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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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Ueberall im Handeln Strassburgs zeigen sich Kraft, Fähig-keit, Weitblick.

Wir bewundern schon die Organisation dieser Kirche, derenKultusordnungen dann «für die reformierten Kirchen Genfs ,Frankreichs und Englands vorbildlich geworden sind.» Wirbewundern die Gesinnung, in der diese Kirche geleitet wurde.«Unerschütterliche Beharrlichkeit in der Vertretung der eigent-lichen Lebensinteressen des Protestantismus war verbunden mitder grössten Duldsamkeit und Nachsicht gegen diejenigenGlaubensgenossen, die in einzelnen Punkten der Lehre andererAnsicht waren». So ist diese schöne Stadt, im Herzen Europas und an der Schwelle der Nationen so wohl gelegen und umihrer Mildtätigkeit willen viel gepriesen, das Asyl zahlloser Ver-triebener geworden. «Franzosen und Belgier, Italiäner, Spanier,Engländer hatten einen Mittelpunkt in der welschen Gemeinde.»Die Gewohnheiten alter Handelsbeziehungen und der humani-stische Geist erleichterten solche Toleranz. «Wie viele für dieGeschichte seiner Zeit bedeutsame Gestalten sehen wir in Strass­ burg auftauchen! Führer der französischen Reformbewegungwie der grosse Humanist Lefevre und der ungestüme Farel,Häupter des Täufertums, von dem feurigen Hubmaier und demfeinen Nürnberger Rektor Hans Denck bis zu dem apokalyp-tischen Phantasten Melchior Hofmann , dessen Glut in Münster verheerend aufloderte, während er selbst in Strassburg in Haftgehalten wurde; eigenartige Gestalten, wie der Spanier Servet,späterer Genfer Märtyrer, w r ie Caspar Schwenkfeld der schlesi-sche Edelmann, der hier jahrelang für sein mystisches Konven-tikelchristentum wirkte, wie Sebastian Frank der grosse Ein-same des Jahrhunderts, der in Strassburg sein geistvolles Ge-schichtswerk verfasste.»

Dieselbe grosse Gesinnung, verbunden mit einem nicht ge-wöhnlichen staatsmännischen Geschicke, leitet auch die ArbeitStrassburgs in den allgemeinen Angelegenheiten des Protestan­ tismus . Bei den wichtigen Verhandlungen in dieser ersten deut-schen Reformationszeit finden wir überall die Strassburger inder vordem Reihe, redegewandt, kräftig eingreifend, klug ver-mittelnd, unermüdlich tätig. Strassburg wird in diesen Dingendie führende Stadt für das obere Deutschland ; aber sein An-

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