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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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noch wirksamer die Aspirationen, die ins Deutsche Reich hinein-griffen. Es war die Tendenz, ein berechtigtes Glied dieses Reichs-körpers zu werden; es war der Einmischungswille, der Karl IV. und Franz I. zur Rewerbung um die Kaiserkrone getrieben undsich in der Formel von Garantie und Protektion deutscher Libertätgeäussert hatte. Auf dieser Linie handelte auch Richelieu . Seinletztes Ziel war über das Eisass hinaus der Zugang ins Reich, dieentree. Dieser Absicht diente sein persönlicher Plan, auf demWeg über das Erzbistum Trier einen Platz im Kurfürstenkolle-gium zu erringen. Derselbe Gedanke beherrschte nun auch dieHaltung Frankreichs bei den Friedensverhandlungen; der Besitzdes Elsasses soll ihm ermöglichen, ein «membre du corps ger-manique» zu werden, wobei schon die weitere Ambition mit-wirkt, «que la qualite de membre de lEmpire pourrait un jourservir de degre ä nos Rois pour monter ä lEmpire et pour löterä une maison, dont la grandeur nous est suspecte».

Mit dieser Absicht, eine Stellung innerhalb des Reiches zuerlangen, hing zusammen, dass Frankreich nicht mit dem Reichin Kriegszustand sein wollte, sondern ausdrücklich nur mitOesterreich . Und demgemäss eröffnete es die Friedensverhand-lungen mit der Forderung nur der österreichischen Gebiete undRechte im Eisass.

Ausserdem aber führte diese Politik Frankreich dazu, nichtjedenfalls die Souveränetät über die zu erwerbenden ElsässerGebiete anzuslreben. Schon zu Beginn der Verhandlungen istvielmehr von Uebernahme dieser Gebiete zu Reichslehen dieRede, da Frankreich hiedurch eine Stellung innerhalb des Rah-mens der Reichsverfassung haben könnte. Wie Spanien die Frei-grafschaft vom Reich innehabe, so würde Frankreich Eisass be-sitzen und der König als Landgraf des Elsasses sowohl im Kreis-tag als im Reichstage Sitz und Stimme haben. Es waren weiteAussichten, verführerische Conceptionen. Aber der Kaiser tratihnen mit Entschiedenheit entgegen; er wollte lieber seinen Be-sitz im Eisass zu voller Souveränetät dahingeben, als eine solcheIntrusion des Erbfeindes ins Innere des Reichslebens dulden.

Ueber den Umfang der österreichischen Rechte im Eisasswaren die Franzosen , die sie verlangten, allerdings im Unklaren,trotzdem sie manche Gebiete faktisch schon innehatten. Sie

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