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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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blem hier um so wichtiger, als dieses gewonnene Land nicht ab-geschlossen und ganze Einheit, sondern Teil eines grossen Ge-samten war, von dem es abgelöst worden ist. Gegen diese alteHeimat soll es nun Grenzland bilden und wird diese Funktionumso besser erfüllen, je enger es mit dem Erobererstaate, mitdem neuen Ganzen verbunden ist. Frankreich geht, wie wir ge-sehen, diesem Ziele seiner elsässischen Politik meist auf demWege des Schonens, des nur allmählichen Einwirkens zu undvertraut darauf, dass neben der Staatsgewalt die alte freie all-gegenwärtige Influenz des Wesens waltet. Eine Influenz, die jetztnoch mehr als früher Sache der fernen und fremden Reichshaupt-stadt ist.

An unzähligen Orten, in Gerichten und Verwaltungen, inGarnisonen, in Schlössern und städtischen Salons, in Klöstern,Pfarrhöfen, Konvikten stellt sich das französische Wesen freiund gebietend dar. Ausi diesen Sammelpunkten geht es weiterauf den unübersehbaren Wegen einzelner persönlicher Erleb-nisse; ausserdem strömt es in das Land durch das Mittel derEinwanderung.

Hie und da erfährt dieses französische Wesen eine so starkeSteigerung, dass wir Ausschnitte aus Frankreich selbst vor unszu haben glauben.

Eine solche Insel war z. B. das bischöfliche Schloss Zabem.Den alten Bau von dem uns Goethe erzählt, hatte im Jahre 1779ein Brand zum Teil zerstört; durch Bischof Rohan war dasSchloss wieder aufgebaut, die frühere herrliche Gartenanlagemit dem drei Viertelstunden langen, schnurgerade auf die Mittedes Schlosses gerichteten Wasserlaufe beibehalten worden. AlleDimensionen und Einrichtungen zeigten den mächtigen und ver-schwenderischen Grandseigneur, der sich seine ländliche Resi-denz schuf, mit siebenhundert Betten, Ställen für hundertund-achtzig Pferde, einer überaus zahlreichen Dienerschaft, einerunzählbaren batterie de cuisine aus massivem Silber. Dem ent-sprach der Stil der hier geübten Gastlichkeit; jederzeit waren imZaberner Schlosse schöne und liebenswürdige Damen der Pro-vinz in Menge zu treffen, oft auch solche vom Hofe und ausParis ; jedes Souper wurde zum Feste; in Jagden und prächtigenGartenpartien ging diese Geselligkeit weiter, und ihrem galan-

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